In den letzten Jahren hat das Verb «teilen» eine neue Bedeutung erhalten. Sie bezeichnet das Empfehlen von Bildern, Videos, Musik oder Posts in sozialen Netzwerken. Doch das Teilen hat auch in seiner ursprünglichen Bedeutung Konjunktur: Der gemeinschaftliche Konsum von Dingen wie Autos, Wohnungen oder Kleidern wird immer beliebter. Im Internet entstehen beinahe täglich neue Dienste, die uns zum Teilen motivieren.

Das GDI Gottlieb Duttweiler Institute hat diesen Trend analysiert. Das Resultat ist die Studie «Sharity: Die Zukunft des Teilens». Sie legt die Gründe für diese Entwicklung frei, zeigt ihre typischsten Erscheinungsformen und weist auf das enorme Potenzial hin, welches das Phänomen Sharing für Wirtschaft und Gesellschaft trägt. Wir haben uns mit der Studien-Koautorin Karin Frick (Head Think-Tank GDI) unterhalten.

Teilen liegt im Trend. Aber warum teilen Menschen überhaupt?
Teilen ist gewissermassen der Naturzustand. Seit Urzeiten teilen die Menschen das Essen, den Wohnraum und was es sonst zum Leben braucht, mit anderen Menschen. Das macht eine Gesellschaft überhaupt erst möglich. Tauschen und kaufen wird erst notwendig, wenn man niemanden hat, der mit einem teilt.

In Ihrer Studie zeigen Sie, dass diese Ur-Verhaltensform neue Relevanz erhält. Wo liegen die Gründe für den aktuellen Trend zum Sharing?
Die drei Grundmotive des Teilens sind Mothering, Pooling und Socializing. Mothering steht für das erwartungsfreie Teilen, das die Beziehung zwischen Mutter und Kind bestimmt: Sharing is caring. Beim Pooling geht es um die bessere Nutzung von beschränkten Ressourcen. Socializing schliesslich bedeutet Geselligkeit und Pflege sozialer Beziehungen. Wir teilen also, weil wir es gerne tun, weil wir es in der Familie gelernt haben und es der Gemeinschaft nützt.

Gerade im Internet tauchen immer mehr Sharing-Plattformen auf. Warum?
Teilen gilt heute auch als smart und ist darum sexy. Dieser neue Lebensstil des intelligenten Verzichts ist besonders attraktiv für die Generation der jungen Super-Opportunisten, die sich nicht festlegen und verschiedene Lebens- und Arbeitsformen ausprobieren wollen.

Verschiedene Menschengruppen teilen also unterschiedlich gern?

Die Mehrheit unserer 1000 Interviewten betrachtet sich als grosszügig. Doch nicht alle Menschen teilen gleich gerne. Frauen teilen mehr als Männer, Junge teilen mehr als Alte,  Deutsche teilen mehr (und anders) als Schweizer, und die Berliner teilen mehr als die übrigen Deutschen oder die Schweizer.

Gibt es diese Unterschiede auch bei den geteilten Dingen? Anders gefragt: Welche Dinge teilen Menschen lieber als andere?
Informationen, Ideen, Fotos und Musik teilen wir bedenkenlos, genauso Werkzeuge, die Waschmaschine und kleinere Geldbeträge. Dinge mit höherem materiellem oder immateriellem Wert teilen wir nur nahestehenden Personen. Was uns ebenfalls vom Teilen abhält, ist Hygiene und Sorgfalt. Was direkt mit der Haut in Berührung kommt, wie Bettdecken, Kleider, Kopfhörer, teilen wir nur ausnahmsweise.

Gibt es Dinge, die niemand teilen will?
Ja, dazu gehören einerseits Unterwäsche und Zahnbürste, andererseits auch Passwörter, Mobiltelefone und Computer. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie intim sind.

Was bedeutet dieser Trend für die Wirtschaft?
Aus der Professionalisierung des Tauschhandels wächst ein eigener Wirtschaftszweig heran. Carsharing und Homesharing gehören zu den am schnellsten wachsenden Segmenten in dieser neuen Wirtschaftsform. Das Modell von Airbnb lässt sich auf viele weitere Produktkategorien ausweiten. Aus Retail wird Rentail.

Wo sehen sie sonst noch besonderes Potenzial?
Die grössten Chancen haben Teildienste für Dinge und Dienstleistungen, die relativ teuer sind, aufwendig in Unterhalt und Lagerung und nur sporadisch gebraucht werden. Hersteller müssen sich zunehmend auch auf B2B-Märkten anbieten, da ihre Abnehmer nicht Konsumenten, sondern eher Sharing-Services sein werden. Ganz generell zeigt unsere Befragung eine markante Diskrepanz zwischen der hohen geäusserten Teilbereitschaft der Befragten und ihrer geringeren Teilungsaktivität. Hier liegt beträchtliches Potenzial für Sharing-Services.

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