Dieses Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls»..

Von Daniela Tenger

Mit Bildung assoziieren wir vor allem ein Bild: ein Schulzimmer, in dem ein hierarchisch höher gestellter Lehrer den wissbegierigen Schülern Wissen vermittelt. Kein Wunder, lernen wir doch seit Menschengedenken primär von anderen Menschen – und haben alle eine solche Schule besucht. Dank der Erfindung des Buchdrucks und den technologischen Fortschritten der letzten Jahrzehnte vermitteln inzwischen zwar längst auch Bücher, Fernseher, Tonträger und Computer Wissen, unsere traditionelle Bildungsvorstellung vermochten diese Entwicklungen aber wenig zu beeinflussen.

Nun verändert die technologische Revolution unsere Gesellschaft nachhaltig und tiefgründig, und auch die Bildung kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Die Digitalisierung verändert sowohl unsere Beziehung zu Informationen als auch unseren Umgang mit der Wissensvermittlung. Sie schafft neue Möglichkeiten fürs Lernen in allen Altersklassen und flexibilisiert die Bildung. Neu gilt in der Bildung wie im Handel oder in der Kommunikation: Alles überall und zu jeder Zeit. Möglich machen dies neue Bildungsformate, die dank Smartphone, Cloud und Wifi in den letzten Jahren rasante Verbreitung gefunden haben. Youtube lehrt uns Kochen, Apps für mobile Endgeräte lehren uns Sprachen usw. Immer mehr Bildungsanbieter versuchen, sich die Technologie zunutze zu machen, und experimentieren mit E-Learning. Im Vergleich mit anderen Branchen (beispielsweise der Musikbranche) befindet sich die durch die technologische Revolution bedingte Entwicklung der Bildungsangebote zwar noch in einem relativ frühen Stadium, nimmt allerdings an Geschwindigkeit zu.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Zukunft der Bildung? Sind die neuen Technologien genügend disruptiv, um jahrtausendealte Wissensvermittlungsstrukturen abzulösen? Braucht es nach wie vor Lehrer, um Inhalte zu vermitteln? Müssen wir trotz zunehmender Automatisierung auch in Zukunft die gleichen Fächer beherrschen? Bleibt der Lernvorgang trotz Technologie energieaufwendig – oder wird es in (ferner) Zukunft möglich sein, Informationen ohne Lernaufwand in unser Gehirn zu «laden»? Ersetzen neue Medien   – wie die Cloud-Technologie oder die Computer-Chips – bald auch die Schulbücher?

DIGITALE OMNIPRÄSENZ

Während die Bildungspille noch Zukunftsmusik ist, zeigt sich bereits heute, dass die Digitalisierung die Art und Weise, wie wir uns Wissen aneignen, fundamental verändert. Die traditionelle Vorstellung, wonach Bildung etwas ist, das zu einer bestimmten Zeit (vormittags oder abends), an einem bestimmten Ort (Schule oder Schulungsräume), von einer bestimmten Person (Lehrer oder Dozent), mit einer bestimmten Methode (Frontal- oder kooperativer Unterricht) und einem bestimmten Lernmedium (Schulbuch oder Internet) passiert, passte möglicherweise in die strikt arbeitsteilige und Funktionen trennende Epoche des Industriezeitalters; im digitalen Zeitalter verschwimmen all diese Kontraste, die Abgrenzungen lösen sich auf.

Die Anforderungen an die Bildungsinhalte verändern sich durch digitale Omnipräsenz von Wissen: Statt dem reinen Auswendiglernen von Inhalten werden je länger, je mehr Such- und Anwendungskompetenzen gefragt, um vorhandene Informationen effektiv zu nutzen: Wir müssen wissen, was wir wann, wo und wie finden können, statt die Informationen selbst zu besitzen. Gefragt ist vor allem die optimale Beziehung zu unserem Gerät. Mit unserem Device können wir sämtliche Herausforderungen bewältigen, sofern wir es gewinnbringend und effizient einsetzen können. Bildungsanbieter müssen diese neuen Kompetenzen vermitteln. Je länger, je mehr werden Lehrer deshalb als Coachs oder Partner verstanden: Statt Inhalte zu vermitteln, müssen sie im Umgang mit diesen Inhalten assistieren und die Lernenden inspirieren, mit der frei zugänglichen Wissensflut etwas anzufangen (und richtig damit umzugehen).

Dies bedeutet aber nicht, dass wir in Zukunft nur noch für uns allein online lernen. Es werden immer alle Kanäle in irgendeiner Form existieren und gefragt sein – je nach Kontext und Bedürfnissen der Bildungskunden. Wenn wir möglichst schnell etwas über den Gebrauch einer Excel-Funktion wissen müssen, wenden wir uns an Youtube, suchen wir den vertieften Austausch mit Gleichgesinnten zur Philosophie der Antike, dann schreiben wir uns in einen entsprechenden Kurs ein. Die Zahl und die Diversität der Kanäle nehmen also zu. Parallel zur Entwicklung im Retail-Bereich wird es für die Anbieter auch hier nicht darauf ankommen, das eine oder das andere zu perfektionieren, sondern die gesamte Klaviatur zu beherrschen: «Omni-Channel» wird das Schlüsselwort. Im Bildungsmarkt der Zukunft wird der offene Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Unterrichtsformen, Lehrkonzepten und Vermittlungskanälen weiterhin bestehen bleiben. Während die Nachfrage nach Bildung weiter wächst, wird auch der Konkurrenzkampf unter den Bildungsanbietern immer grösser. Und: Durch die Digitalisierung und den Vormarsch des Englischen internationalisieren sich die Bildungsmärkte   – lokale Anbieter müssen plötzlich mit dem Online-Kurs von Harvard konkurrieren.

ZUSATZNUTZEN ZERTIFIKAT

Vor allem Weiterbildungsinstitutionen werden auf diese Entwicklungen reagieren, denn sie sind enger mit der Gesellschaft verflochten als die formale Schulbildung und damit den gesellschaftlichen Entwicklungen stärker ausgesetzt. Wollen sie ihre Angebote auch in Zukunft verkaufen, müssen sie sich an die veränderten Bedingungen der digitalisierten Gesellschaft anpassen, und das schneller und intensiver als das Regelschulsystem. Diese Notwendigkeit zur Anpassung zeigt beispielsweise die sinkende Zahlungsbereitschaft für Services oder Produkte, die im Netz gratis vorhanden sind. Warum noch Geld für einen Excel-Kurs ausgeben, wenn mir auf Youtube gratis ein Crash-Kurs geboten wird? Um auch in Zukunft noch Geld mit Bildungsangeboten zu verdienen, müssen die Anbieter einen Zusatznutzen neben der reinen Wissensvermittlung bieten. Als Beispiele sind hier das Erlangen anerkannter Zertifikate, der Austausch mit Gleichgesinnten oder die ganz persönliche Unterstützung (Eins-zu-eins-Mentoring, ob online oder offline) zu nennen.

Wer setzt sich im Bildungsmarkt der Zukunft durch? Taucht wie mit Amazon im Einzelhandel ein innovativer Anbieter von «aussen» auf, der die neuen Kanäle beherrscht? Oder werden die wirklichen Innovationen von Bildungsanbietern vorangetrieben, die über Erfahrung mit und Zugang zu den Nutzern verfügen? Ein Blick in den universitären Bildungsbereich zeigt, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte: Während bislang Bildung in erster Linie ein lokales Geschäft war, fast ohne «economies of scale», entstehen dort gerade die Bedingungen dafür, dass in Teilsegmenten des Bildungsmarktes sogenannte Star-Ökonomien entstehen, die von wenigen grossen Playern dominiert werden. Am deutlichsten zeigt dies der Erfolg verschiedener «massive open online courses» (Moocs): Diese von amerikanischen Universitäten lancierten Kurse erzielen weltweit enorme Resonanz und erschliessen ganz neue Kundengruppen aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

STAR-ÖKONOMIE

Nicht nur die hohen Einschreibe-, sondern auch die hohen Abbruchraten dieser Moocs sorgen allerdings für Aufmerksamkeit. Eine genauere Analyse der Zahlen zeigt auf: Viele Teilnehmer registrieren sich für einen Kurs, ohne jemals auch nur ein Modul vollständig zu absolvieren. Der Zusammenhang von Kurslänge und Abbruchrate weist auf eine neue Lernkultur in der digitalisierten Gesellschaft hin: Ein Abschluss wird nicht immer angestrebt, häufig will man nur reinschauen, ausprobieren, neue Erfahrungen sammeln. Oder man benötigt nicht den ganzen Kurs, sondern nur eine Einheit, um die aktuellen Informationsbedürfnisse abzudecken. Die hohen Abbruchquoten sind also nicht (nur) auf fehlende Disziplin oder ungenügende Motivation zurückzuführen, sondern entsprechen dem Trend, sich selbstbewusst nur das zu holen, was jetzt gerade gebraucht wird.

Die neue Star-Ökonomie bildet sich nicht nur im universitären Bereich heraus, sondern ansatzweise bereits im allgemeinen Weiterbildungsmarkt. Eindrücklichstes Beispiel sind die Mathematik-Videos der Khan Academy, die zeigen, dass auch komplexe Stoffe so unterrichtet werden können, dass sie verständlicher werden als bei den meisten Lehrern. Hierdurch kann (theoretisch) ein einziger guter Lehrer Millionen von Schülern in aller Welt beim Lernen helfen und damit auch andere, schlechtere Angebote vom Markt verdrängen – und zwar nicht nur andere Lehrer, sondern vor allem auch andere Medienformate wie das klassische Lehrbuch. Ähnlich, wie es Klassiker unter den Lehrmitteln gab, wird es neu auch Klassiker unter den Lehrern geben – nur in digitaler Version. Da der Kreis der Zuhörenden nicht beschränkt ist, gibt es einen starken Anreiz für Lehrende, ihre Hörerschaft, ihre Bekanntheit und letztlich ihre Vergütung zu erhöhen.

NEUE BILDUNGSKANÄLE

Auch in Zukunft gelten Wissen und Bildung als zentrale Währung in der Informationsgesellschaft. Der Mensch mit seinen Kompetenzen, seinen Fähigkeiten und seinem Wissen wird zum immer wichtigeren Wettbewerbsfaktor, und die Nachfrage nach Bildungsangeboten wird weiter zunehmen. Doch die Digitalisierung verändert, wie wir Wissen erlangen, was wir für Wissen benötigen, und führt zu neuen Ansprüchen an unsere Kompetenzen. Der Bildungskatalog wird um eine Vielzahl an neuen Kanälen und Kombinationsmöglichkeiten erweitert: vom kurzen Youtube-Kurs bis zum Mooc, online oder offline, begleitet oder im Selbststudium, alles je nach Bedarf. Solange die Bildungspille den Science-Fiction-Autoren vorbehalten bleibt, wird es jedoch auch im Weiterbildungsmarkt Lehrer zur Unterstützung im Bildungsprozess brauchen. Lernen bleibt energieaufwendig, erfordert Disziplin und Motivation. Trotzdem zeigt sich schon heute, dass sich unsere Beziehung zu Wissen und damit auch zum Wissenserwerb fundamental verändert. Wenn wir einst dank tragbaren Intelligenzen wie der Google-Linse jederzeit über alles, was rund um uns herum passiert, Bescheid wissen, stellt sich endgültig die Frage, ob noch irgendjemand einen Excel-Kurs braucht.