(Alle Interviews mit den Trendtag-Referenten finden Sie in der News-Rubrik.)

Wie viele Freunde haben Sie?
Ich habe 1085 Facebook-Freunde, 14’698 Twitter-Follower, 16 Favoriten in meinem iPhone, und 25 kamen an meine Geburtstagsparty.

Sie nennen zuerst Social-Media-Freunde. Wie deuten Sie den «Kult des Sozialen», den Titel des Trendtages?
Das Wort «Kult» bezieht sich üblicherweise auf eine Gruppe von Leuten, die durch eine Ideologie verbunden sind, die wiederum durch gewisse Rituale und Praktiken definiert ist. Das soziale Netz verbindet uns durch gemeinsame Standards, Meme und die Liebe zum Netzwerk. Könnte es sein, dass wir gerade unsere alten Idole ersetzen mit einer neuen Verehrung unserer Verbundenheit? Normalerweise denke ich nicht in solchen Kategorien, aber es scheint derzeit definitiv eine Machtverschiebung vom Zentralisierten zum Verteilten im Gange zu sein.

Wer sind die Hohepriester dieses Kults?
Es gibt keine, darum gehts ja eben! Der Kult des Sozialen macht ein Ende mit Hohepriestern. Die alten hierarchischen Strukturen von Regierung und Handel werden ersetzt durch Netzwerke und Beziehungen zwischen wirklichen Menschen. Wer es ermöglicht, dass sich tausende von Stimmen verbinden können, ist viel mächtiger jene, die irgendeine einzelne Nachricht verbreiten.

Geht es nur um Macht? Anders gefragt, warum erleben wir gerade einen «social»-Hype?
Ich glaube alles war immer schon social. Die Leute haben immer schon Nachrichten von politischen, kulturellen oder kommerziellen Autoritäten erhalten und sie in ihre gesellschaftlichen Netzwerke gefiltert. Neu ist, dass unsere Netzwerke sichtbar, lesbar geworden sind. Unsere Meinungen und Beziehungen haben eine viel grössere Reichweite und können mehr bewirken.

Und nun heisst es, Beziehungen werden zu einer neuen Art Währung. Was bedeutet das, Beziehungskapital?
Soziale Währungen gibt es, seit es Menschen gibt. Bevor es traditionelle Währungen gab, wurde alles durch soziale Mittel getauscht. Mit der Verlagerung der Geschäfte nach ausserhalb der nächsten Gemeinschaft und dem Wachstum der Wirtschaften wurden Währungen, wie wir sie kennen, notwendig – Geld. Geld war ein Symbol für Vertrauen zwischen Fremden. Jetzt, da uns die Technologie alle verbindet, gibt es keine Fremdem mehr. Wir können soziales Kapital aus einer Beziehung sammeln und es in einer andern ausgeben. Unsere Vertrauenswürdigkeit hängt davon ab, wie wir unsere Beziehungen führen. Das eröffnet eine riesige Zahl von neuen Möglichkeiten Transaktionen durchzuführen, die einen realen Wert haben.

Gerade die Bedeutung des Teilens nimmt in «social» Zeiten zu. Wo liegen da die Grenzen?
Teilen liegt in unserer DNA. Wir würden nahezu alles teilen, wenn es der Gemeinschaft dient. Geteilter Konsum ist im Trend, die Leute teilen ihre Werkzeuge, Autos und Wohnungen. Während die Sharing Economy wächst, lernen wir, dass das Teilen unterschiedlicher Dinge verschiedene Arten von Belohnung erfordert. Die grosse Herausforderung wird sein, eine soziale Währung zu erfinden, die es ermöglicht, alles zu teilen.

Und was bedeutet das für Marken?
Marken müssen erkennen, dass ihre Produkte geteilt werden und sie auch darauf hin designt werden sollten. Das geschah mit Musik, jetzt passiert es mit Filmen und Serien, mit Wohnungen und Autos. Produkte in alle Richtungen der Wertschöpfungskette müssen re-designt werden mit dem Ziel, ihr Teilen zu ermöglichen. Das wird zu einer höheren Produktequalität führen, zu langerlebigeren Gütern und einer nachhaltigeren Wirtschaft für uns alle.

Was braucht es für den Erfolg im Social Business?
Zuerst mal Aufmerksamkeit: Social Media bieten Marken die Möglichkeit, ihren Kunden besser zu dienen. Aber als erstes müssen sie zuhören. Authentizität ist ebesowichtig. Marken müssen in ihrer Kommunikation glaubwürdig sein. Habe eine Meinung und drücke sie wie ein Mensch aus. Und zuletz, Autonomie: Fans und Kunden sind die wichtige Teile ihrer eigenen Community. Brands sind – mit viel Glück – eingeladene Gäste. Kunden müssen darum mit dem Unternehmen und andern Kunden direkt kommunizieren können.

Micki Krimmel ist Gründerin der Teil-Börse NeighborGoods.net (Video unten). Die Amerikanerin hält am GDI-Trentdag zum «Kult des Sozialen» am 14. März 2012 im GDI ein Referat mit dem Titel «Leihen statt kaufen: Collaborative Consumption mit Nachbarn und Freunden». Lesen Sie alle Interview mit den Referenten des Trendtages in der News-Rubrik.