Von Judith Mair, Bitten Stetter und Team

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Anfänglich wurde die wachsende Vielfalt an Wahlmöglichkeiten noch als Geschenk der Freiheit und Ausdruck von Individualität bejubelt. Heute entpuppt sich das Mehr an Möglichkeiten zunehmend als Überforderung. «Der Augenblick der Entscheidung», so wusste bereits Søren Kierkegaard Mitte des 19. Jahrhunderts, «ist ein Wahnsinn.» Mit dem Versuch, diesem Wahnsinn zu entkommen, wächst die Suche nach Angeboten, die uns bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Überangebot und die optionale Vielfalt werden vorsortiert und handhabbar gemacht, Trends wie Curated Shopping, Simplification, Lessness oder Downsizing vereinen das Versprechen von Orientierung und Übersicht durch Selektion und Reduktion.

Auffällig ist die wachsende Beliebtheit von Produkten und Programmen, die die richtige Entscheidung rational berechenbar machen und damit alle Zweifel beseitigen. Anders als bei Abwägen oder Spontaneität, wird die richtige Wahl mehr und mehr zum vorhersehbaren Ergebnis. Dies zeigt sich nirgendwo so deutlich wie bei der Lieblingsbeschäftigung hoch individualisierter Gesellschaften: der Optimierung des Selbst.

Das Beste Ich

Die Arbeit am Ich zeigt sich heute im Imperativ der Selbstoptimierung und dem Ruf nach Disziplinierung und Kontrolle in sämtlichen Lebensbereichen. Stets mit dem Ziel, die Effektivität und Effizienz zu steigern. Ganz gleich, ob die Dauer von Telefongesprächen im Büro oder die Kalorienzufuhr am Frühstückstisch: Es gibt nichts, was nicht quantifizierbar und optimierbar wäre. Zu den Gründervätern der sogenannten Quantifiers zählen die amerikanischen «Wired»-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly. Zentrale Plattform der Bewegung ist die von ihnen 2007 ins Leben gerufene Website quantifiedself.com, ergänzt durch regelmässig organisierte Treffen weltweit. Getreu dem Motto «Born to perform» kann das Quantified Self auf Produktinnovationen zurückgreifen, die die eigene Leistung unaufhörlich messen, analysieren und optimieren. Von Körpertemperatur und Tiefschlafphasen bis hin zu sozialen Kontakten – das perfekte Leben zeigt sich sowohl privat als auch beruflich mehr und mehr als die positive Summe aus Tabellen, Prozenten, Masseinheiten; und immer ist noch Luft nach oben.

Schon heute stehen wir dank digitaler Technologie auf Schritt und Tritt unter Beobachtung. Angefangen beim populären Tracking durch Apps wie Runtastic, die jeden erlaufenen Kilometer aufzeichnen und zu mehr Leistung motivieren, oder dem Nike-Fuelband, das sämtliche Aktivitäten speichert, reicht das Angebot mittlerweile in alle Lebenslagen hinein.

Dressur des Selbst

Allen voran die Bereiche Gesundheit und Ernährung: Sleep-Monitoring, Medi-Wecker, digitales Blutdruckmessen per Smartphone, kalorienfreie Schokoladen-Inhalatoren und smarte BHs, die das Stress-Level der Trägerin anzeigen. Aber auch sogenannte Kitchen-Safe-Keksdosen, die sich nur zu bestimmten Zeiten öffnen lassen, oder «Wheel of Nutrition», der Teller der isländischen Künstlerin Hafsteinn Juliusson, dessen drei Varianten «Diet», «Extra ordinary» und «Supersize»   strikt das Menü durch vorgegebene Felder rationieren, leisten einen Beitrag zur Disziplin. Selbst die Kleinsten haben Apps und Co. im Blick: iBaby ist eine Kamera, die Babys und Kleinkinder überwacht, wenn die Eltern dies gerade nicht können. Schon während der Schwangerschaft ermöglicht die US-Firma Mobisante werdenden Müttern Ultraschall per Smartphone.

Leistungssteigernde Medikamente wie Ritalin oder Psychopharmaka, die sich stimmungserhellend auf das Bewusstsein auswirken, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen – ob im Studium, bei der Arbeit oder privat. Aber auch der Körper kommt nicht zu kurz: von klassischer Shapewear über intelligente Sportbekleidung, die beim Workout die Körperfunktionen misst, bis hin zur Fitbug-App, die sämtliche Trainingswerte aufzeichnet und vergleicht.

Freiwillige Selbstkontrolle

Dabei werden die durch Tracking gewonnenen, individuellen Datensätze auch für andere sichtbar gemacht – wenn gewünscht in Echtzeit. Unser optimiertes Selbst tragen wir öffentlich zur Schau, auf der Strasse ebenso wie in sozialen Netzwerken. Ein Nichterfüllen dieser Standards wirkt sich sowohl beruflich als auch privat negativ aus. Der euphorische Ruf nach mehr Transparenz fordert neben der kontinuierlichen Optimierung des Selbst auch den finalen Vergleich mit denjenigen, die ebenso emsig an sich arbeiten. Eine erfolgreiche Performance garantiert Anerkennung in Form von Shares, Likes und Comments und steigert den sozialen Status. Als massiver Beschleuniger der populären Techniken der Selbstoptimierungen gilt das Internet of Things. Es verknüpft digitale Daten mit konkreten Dingen des täglichen Gebrauchs. Zahnbürsten, Personenwaagen und Kaffeemaschinen beginnen, nur noch das Beste für uns zu wollen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser


Dabei geht es längst nicht mehr nur um harte Fakten, wie den Body-Mass-Index oder die Pulsfrequenz, sondern um ein komplexes Netzwerk aus Interaktionen und täglichen Abläufen. Ein Beispiel dafür liefert «Sense Mother», ein stationärer Sensor, der sämtliche Daten des kindlichen Tagesablaufs – vom Zähneputzen bis zu den Hausaufgaben – an das Smartphone der Mutter überträgt. Dabei geht es nicht nur um die Kontrolle von Sicherheit, Erfolg und Fitness, sondern auch um das Streben nach Sinn und Glück. So gibt das «Happiness-Profil» der von Forschern aus Harvard entwickelten App «Track your Happiness» in Diagrammen und Grafiken einen umfassenden Überblick darüber, wann und wieso man glücklich ist.

Disziplin verspricht Happiness. Doch was passiert, wenn dieses Versprechen nicht eingelöst wird? Wenn wir mit Blick auf die «Life-Watch» am Glück vorbeijoggen, das Selfie des mit «Workoutwear» gestylten Körpers nicht geliked wird und wir auch als «Eco-Avantgardista» mit grünen Müllbeuteln nicht happy sind? Der kleine Leon trotz Tracking und Gewichtsüberwachung im Hochsitz auffällig unauffällig wird? Und sich selbst das im «Wonderdrugs»-Store verordnete Glück auf Rezept nicht einstellt? Dann stellen wir fest, dass Askese und Disziplin zu Normierung und ästhetischer Gleichschaltung führen. Es entsteht eine diffuse Sehnsucht nach Ungezwungenheit, nach Zufälligem und Fehlerhaftem. Einfach mal von der Route abkommen, etwas essen, ohne sich schuldig zu fühlen, und Leon unbeobachtet im Sand spielen lassen. Der allgegenwärtigen Disziplinargesellschaft entfliehen. Und sei es auch nur für einige Stunden.

Die angestrengte Suche nach der besten aller Optionen hat keine Zeit für Umwege und Neuanfänge. Die Disziplinierung des Selbst kein Verständnis für die Launen und Lüste des Ich. Die ergebnisfixierte Performance keine Verwendung für Widersprüche und Experimente. Die Transparenz keinen Raum für das Geheimnisvolle und Distanzierte. Die sich zu Tabellen und Rankings verdichtenden Informationen keine Verwendung für das Intuitive und Spontane. Das Optimierte kein Verständnis für Zweifel und Schmerz. Und die Perfektion keinen Blick für Kreativität und Chaos.

Vielleicht sollten wir uns weniger Sorgen um die Ergebnisse der Selbst-Optimierung machen, sondern einfach die Freiheit und Unterschiedlichkeit einer pluralistischen Gesellschaft geniessen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.