Dies ist ein Ausschnitt aus der GDI-Studie «Robotik und Behinderungen». Die vollständige Studie können Sie kostenlos herunterladen.

Etwa drei Millionen Menschen weltweit, davon allein in Deutschland ca. 30 000 - 40 000, leiden an der degenerativen Netzhauterkrankung Retinopathia pigmentosa. Die Krankheit manifestiert sich in einer langsamen Verdunklung der Sicht, angefangen bei Schwierigkeiten, in der Nacht gut zu sehen, bis hin zur vollständigen Blindheit.

Eine Möglichkeit dagegen vorzugehen ist es, einen Chip operativ auf die Netzhaut (Retina) zu positionieren. Der Patient trägt eine Brille mit Kamera, welche die Aufnahmen an den Chip funkt (Ausführliches Interview mit Betroffenem in der Studie). Der Chip stimuliert die unter den Photorezeptoren befindlichen Ganglion-Zellen elektrisch. Diese leiten dann das Kamerabild über den Sehnerv ans Gehirn weiter. Solche Eingriffe sind in den ersten Jahren nach der Erblindung möglich. Je länger man wartet, desto stärker bauen sich die Nerven innerhalb der Retina ab und desto weniger empfänglich sind sie für die elektrische Stimulation durch den Chip.

Man darf sich dies aber nicht wie natürliches Sehen vorstellen: Das Implantat «Argus 2» zum Beispiel hat eine Auflösung von 6 x 10 Pixeln. Das bedeutet: Das Bild, das man sieht, besteht aus lediglich 60 Punkten (wenn alle 60 Elektroden von der Retina auch gut aufgenommen werden).

Mit einem Retina-Implantat ist es somit höchstens möglich, Umrisse zu sehen. Man kann damit Türrahmen erkennen, Lichtquellen, vielleicht einzelne Buchstaben. Wie gut diese relativ bescheidenen Sehleistungen ein Individuum tatsächlich umsetzen kann, kann von Person zu Person sehr verschieden sein und lässt sich schwer abschätzen. Dies im Gegensatz zum Beispiel zu einem Cochlea-Implantat, einer Gehörprothese, die als künstliches Innenohr funktioniert, welches bei den meisten Nutzern etwa gleich gut funktioniert.

Dass der Erfolg nicht vorhergesagt werden kann, ist problematisch. Einerseits ist eine Operation am Auge nicht ohne Risiko. Andererseits kostet ein solches Implantat samt Einsetzen, individueller Adaptation und der sehr wichtigen gründlichen Schulung des Patienten in etwa 100 000 Franken. In der Schweiz wird das, im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich, von Krankenversicherern nicht mitgetragen. Nach dem Einsetzen muss jede der 60 Elektroden separat geeicht respektive eruiert werden.

Dr. Jörg Sommerhalder, der am Universitätsspital Genf forscht, zeigt sich gegenüber Retina-Implantaten zunehmend skeptisch. «Von 2000 bis 2010 sind zwar bedeutende Fortschritte erzielt worden, aber seither geht es nur langsam voran», sagt der Physiker, der selber an dieser Forschung beteiligt ist. «Die Hersteller scheinen vorübergehend an eine Barriere gestossen zu sein.» Momentan versuche man deshalb auch, Optimierungen an der Software vorzunehmen, z. B. die Kontraste bei der Bildbearbeitung zu erhöhen, damit Umrisse deutlicher werden.

Trotz langsamen Fortschrittes seien die Firmen aber gezwungen auf dem Markt zu bestehen, damit sie die hohen Entwicklungsinvestitionen wieder erwirtschaften können. Daraus resultieren stimulierende Marketing-Videos von Menschen, die sich völlig begeistert zeigen und vor der Kamera behaupten, «zum ersten Mal wieder die eigene Frau sehen zu können». Ob sie die eigene Frau von einer anderen Person unterscheiden könnten, ist fraglich.

Ob und wann Retina-Implantate die technologischen und biologischen Schwierigkeiten überwinden werden, die sie im Moment behindern, ist unklar. Vorstellbar ist auch, dass sich ein anderer Ansatz durchsetzt, wie zum Beispiel die Vertonung der visuellen Umwelt durch eine künstliche Intelligenz. Oder die Wissenschaft stösst auf eine Heilmethode für degenerative Retinaerkrankungen.

Das Beispiel macht insgesamt deutlich, dass nicht jede Technologie automatisch mit zunehmendem Tempo besser wird. Weitere Entwicklungen bauen womöglich nicht auf einer Verfeinerung des Bestehenden auf, sondern bedürfen einer bahnbrechenden neuen Idee.

Die vollständige Studie können Sie kostenlos herunterladen.