Städte sind die neuen Staaten. Etwa 50 Städte weltweit beherbergen in ihrer Metropolregion mehr Einwohner als die gesamte Schweiz. In diesen Big 50 allein wohnen zusammengenommen fast eine Milliarde Menschen. Reiserouten und Lebensläufe führen im Zeitalter der Globalisierung rund um die Welt – und fast immer von Stadt zu Stadt. Für den US-Politikwissenschaftler Parag Khanna werden Städte davon profitieren, dass sich in den internationalen Beziehungen gerade eine multipolare, fragmentierte Welt entwickle: Ähnlich wie im Mittelalter würden dann Stadtstaaten die Garanten von Sicherheit und Fortschritt werden.

Und Städte sind die neuen Wettbewerber. Sie konkurrieren um Unternehmen, um Investitionen, um Köpfe. Für die Investitionsentscheidungen der Unternehmen zählen dabei in erster Linie harte Fakten wie Infrastruktur oder Steuerlast, für die Beschäftigten spielen auch weiche Faktoren wie Freizeitwert oder kulturelle Vielfalt eine wichtige Rolle. Für die Bürgermeister bedeutet das, in allen Kategorien gute Argumente bieten zu müssen: Ohne kreative Köpfe werden Unternehmen kaum investieren, und umgekehrt werden die High Potentials nicht lange bleiben, wenn ihnen keine attraktiven Arbeitsmöglichkeiten geboten werden.

Ein wichtiger Faktor in diesem Standort-Rennen sind Ranglisten; möglichst Ranglisten, die zu anderen Ergebnissen führen als die reine Grössen-Sortierung – bei der viele asiatische und vor allem chinesische Städte ganz vorne liegen. So zum Beispiel für die lebenswertesten Städte; im Mercer Quality of Living Index schneiden die vergleichsweise lieblichen und kulturgesättigten europäischen Grossstädte besonders gut ab. Oder für die kostengünstigsten Städte, wo eher Metropolen aus der zweiten Reihe vorne liegen.

Das Gottlieb Duttweiler Institut hat eine etwas andere Rangliste der wichtigsten Städte der Welt berechnet*: die vernetztesten Städte der digitalen Welt. Für die 50 bestplatzierten Städte im A.T. Kearny Global Cities Ranking und die Top-Städte im GaWC-Ranking haben wir die Vernetzung im Internet ermittelt: für den Gesamtbestand der englischsprachigen Wikipedia-Enzyklopädie, für den aktuellen Twitter-Feed, sowie für das World Wide Web, wie es sich durch Google erschliesst.

Top Ten des Global City Rankings

<root><de>Top Ten Global City DE</de></root>
Mercer* Mercer’s Quality of Living Ranking 2017

Die unten stehende Tabelle zeigt in der rechten Spalte die End-Platzierung der jeweiligen Stadt in der Länge des Balkens: je länger der Balken, desto besser ist die Platzierung im Ranking. Die drei Bereiche innerhalb des Balkens machen ersichtlich, welche Plätze die Städte im Twitter- (blau), Wikipedia- (schwarz) und in Web-Ranking (rot) besetzen.

<root><de>Top Ten Wikipedia / Twitter DE</de></root>
Sehen Sie hier die gesamte Tabelle.

In unserem Ranking schneiden die europäischen und nordamerikanischen Metropolen besonders gut ab: Fünf der zehn bestplatzierten Städte liegen in Europa, vier in Nordamerika, dazu kommt Tokio als vernetzteste Stadt in Asien. Das Gesamtbild der Vernetzungs-Analyse zeigt dabei spannende Ähnlichkeiten mit dem Netzwerk, das sich aus den globalen Flugverbindungen ergibt (s. Abbildung): Viele gut platzierte Städte sind zentrale Knoten im weltweiten Flugverkehr.

<root><de>Flugrouten 2017</de></root>
Das Bild zeigt 59036 Flugrouten zwischen 3209 Flughäfen, die das Datenset des Open-Source-Projekts openflights.org im Januar 2012 gesammelt hatte.

Eine markante Ausnahme stellen ausgerechnet die beiden Schweizer Städte in der Analyse dar: Trotz vergleichsweise grosser ökonomischer Bedeutung im globalen Wettbewerb, landet Genf nur auf Platz 61 unter 68 untersuchten Metropolen, Zürich sogar auf dem letzten Platz. Zum Vergleich: Im A.T. Kearny Global Cities Ranking belegt Genf Platz 14 und Zürich Platz 12. Für diesen Unterschied dürfte vor allem die Grösse der Städte ausschlaggebend sein, denn beide sind gemessen an der Bevölkerungszahl geradezu winzig – fast alle anderen Teilnehmer sind Millionen- oder gar Multimillionenstädte. Je weniger Einwohner, desto geringer ist die Twitter-Aktivität und desto weniger passiert in der Stadt.

Die globale Vernetzungsfunktion der Metropolen steht dabei in einem dynamischen Spannungsverhältnis mit ihrer jeweiligen nationalen Bedeutung. Auf der einen Seite, so Parag Khanna, entwickelten sich Städte-Netzwerke, ähnlich dem mittelalterlichen Städtebund der Hanse, zu wirtschaftlichen und kulturellen Zentren einer Weltgesellschaft. Auf der anderen Seite sei auch jede Stadt in ein Umland mit mannigfachen traditionellen Verbindungen eingebettet. Khanna schreibt: «Selbst wenn London wollte, könnte es sich nicht von dem Land lösen, das es umgibt – und umgekehrt.»

Und wie diese traditionellen Verankerungen in der digitalen Welt eine Rolle spielen, versuchen wir im nächsten Artikel zu klären. Dazu zeigen wir, welche die wichtigsten Webseiten im Städte-Netzwerk sind und was eine Stadt braucht, um in unserem Global City Index ganz vorne mit zu mischen.

*Das Ranking stützt sich auf den Vernetzungs-Indikator «Reach2»: Wie viele Punkte innerhalb eines Netzwerks kann man über maximal zwei Verbindungen erreichen? Je zentraler die Position in einem Netzwerk ist, und je grösser die Zahl der Verbindungen, die man direkt oder indirekt hat, desto höher ist der Reach2-Wert.

Weitere Netzwerkanalysen finden Sie auf globalinfluence.world.