Eine der tiefsten Ironien des Aufstiegs von Donald Trump ist, dass er durch ein Medium ermöglicht wurde, Social Media, vor allem Twitter, das ursprünglich dafür gedacht war, den Aufstieg des Faschismus zu verhindern. In meinen Büchern «The Democratic Surround» und «From Counterculture to Cyberculture» habe ich den Widerstand gegen die Massenmedien nachgezeichnet, der mit der Hoffnung verbunden war, dass die Individualisierung der Medien und die Individualisierung der Mediennutzung zur Bildung von Persönlichkeiten beitragen, die frei sind. Ich konnte beobachten, wie sich Medien immer weiter individualisieren, dass sie jederzeit und überall verfügbar und individuell zugänglich sind; sie werden erheblich vielfältiger, aber gleichzeitig werden Persönlichkeits-Elemente zum zentralen Faktor, Macht über diese Medien auszuüben.

Das haben wir nun davon: Donald Trump ist jetzt in der Lage, mit seiner Persönlichkeit in die intimsten Bereiche unseres Lebens vorzudringen. Dafür nutzt er das gleiche Medium, das uns auch mit Freunden und Familie verbindet. Er steht mit seiner Persönlichkeit mitten in unserer Wohnung – mit einer überdimensionalen, narzisstischen Persönlichkeit, die er uns durch dieses Medium aufdrängen kann, ein Medium, das aus einer jahrzehntelangen Bewegung entstand, die Medien befreien wollte, damit Menschen sie als freie ganzheitliche Persönlichkeiten nutzen konnten.

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir den Aufstieg von Produkten wie Flugreisen und Kommunikationsnetzen miterlebt, die wir für selbstverständlich halten, aber in Wirklichkeit radikal neu sind. Wir spüren eine dramatische Beschleunigung der Mobilität vieler Menschen und gleichzeitig auch eine Zunahme von kulturellen Konflikten auf der ganzen Welt. Die Menschen können sich sehr leicht über die Landesgrenzen hinweg bewegen – aber längst nicht jeder kann es tatsächlich. Diejenigen, die sich bewegen können, haben im Schnitt viel mehr Macht als diejenigen, die das nicht können, und zwar Macht in fast beliebiger Form. Und wer sich nicht so frei bewegen kann, fängt eines Tages damit an, sich über die Mobilität der anderen zu ärgern. Viele Medien betonen ständig, dass jedermann in der Lage ist, kosmopolitisch zu werden, aber tatsächlich können die meisten Menschen das nicht, und sie wissen es – wer kann es ihnen verdenken, dass sie deswegen richtig wütend werden?

Dies ist eine der Herausforderungen, vor denen globale kosmopolitische Eliten heute stehen: Wir sind in einer individualistischen Meritokratie aufgewachsen, die uns gelehrt hat, uns als offen für alle anderen zu sehen, als flexible Menschen, als kooperativ, all das eben, was man sein muss, um ein ordentlicher Kosmopolit zu sein. Und man hat uns das in sehr privilegierten Institutionen gelehrt, Elite-Universitäten zum Beispiel. Für uns fühlt es sich so an, als hätten sich unsere Charaktere so entwickelt, dass wir bessere Menschen sein können – und als wäre das für jeden anderen möglich, der es wirklich will und dafür so hart arbeitet wie wir. Was wir dabei nicht sehen, ist die Bedeutung des kulturellen Zugangs zu diesen Strukturen, zu diesen Ressourcen. Wir sind offiziell offen für alle – aber Menschen ohne dasselbe kulturelle Kapital sind nicht im Zimmer.

Fred Turner ist Professor für Kommunikation an der Stanford Universität und Autor der Bücher «The Democratic Surround: Multimedia and American Liberalism from World War II to the Psychedelic Sixties», «From Counterculture to Cyberculture: Stewart Brand, the Whole Earth Network and the Rise of Digital Utopianism» und «Echoes of Combat: Trauma, Memory, and the Vietnam War». Mehr von Fred Turner zur US-Wahl.

«Outlook 2017»: Vieles am Start ins Jahr 2017 fühlt sich wie eine Zeitenwende an. Neue Konflikte, neue Akteure, neue Risiken. Und, natürlich, neue Chancen. Im Umfeld der Tagung zur Zukunft der Macht fragen wir Referenten und globale Experten, was da ihrer Meinung nach auf uns zukommt. Ihre Antworten ergeben unseren «Outlook 2017».

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