Herr Werner, die Handelstagung 2013, an der Sie referieren, sucht nach den Märkten der Zukunft. Müssen Unternehmen eigentlich immer weiter wachsen? Ist gut nicht genug?
Götz Werner: Es ist ein Irrweg, stets wachsen zu wollen. Expansion ohne Regeneration ist nicht nachhaltig. Was jedoch nötig ist, ist Weiterentwicklung, Verwandlung, Metamorphose. Was heute gut ist, muss sich täglich wandeln, um gut zu bleiben.
 
Wenn der Pro-Kopf-Konsum von Gütern in westlichen Märkten nicht mehr nennenswert wächst, wo liegen dann die Handelsmärkte der Zukunft?
Wir leben im materiellen Überfluss. Hier gibt es kaum noch Entwicklungsräume. Doch im kulturellen und sozialen Bereich gibt es immer noch einen enormen Mangel. Und überall dort, wo wir Mangel und Überfluss zugleich beobachten können, gilt es zu handeln.
 
Was müssen Handelsunternehmen heute leisten, um morgen in einer Post-Growth-Wirtschaft zu bestehen?
Die Potenziale der Beteiligten entwickeln. Je mehr Menschen im Unternehmen eigeninitiativ erkennen, was Kunden wollen und entsprechend handeln, umso unternehmerischer ist das Unternehmen. Die Zeit, in der die Unternehmensführer gedacht und alle anderen gemacht haben, ist vorbei. Die Zukunft gehört denen, die eine Gemeinschaft so gestalten, dass viele Menschen das vorfinden, was sie suchen: einen Lebensschauplatz.
 
dm ist eine führende Drogeriemarktkette und gilt gleichzeitig als soziales und nachhaltiges Unternehmen –  wie schafft man das?
Wir sind sehr effizient im Wertschöpfungsprozess und verschwenderisch bei der Hinwendung zum Menschen. Es braucht eine gedankliche Trennung zwischen Arbeit an der Materie und Arbeit am Menschen. Die alte Arbeit ist die Arbeit an der Natur, die Produktion. In diesem Bereich braucht es Sparsamkeit und höchst mögliche Effizienz, um nachhaltig mit Ressourcen umzugehen. Die neue Arbeit, die Arbeit am Menschen braucht hingegen Großzügigkeit. Mitmenschliche Zuwendung kann man nicht messen, man kann sie nur ermöglichen.
 
Sie prägen die Zukunft des Drogeriemarktes mit. Verraten Sie uns, wie sie aussieht?
Indem wir nie von uns ausgehen. Tatsächlich prägen die Zukunft die Menschen, für die wir tätig sind. Solange es uns gelingt, die Bedürfnisse unserer Kunden als erste zu erkennen und ein entsprechendes Angebot gegenüberzustellen, kann der Eindruck entstehen, dass wir die Zukunft prägen. Das scheint aber nur so.
 
Was hat dm gewonnen, seit sie die Nummer eins sind? Und was verloren?
Die Summe aller dm-Märkte ist eine Abstraktion, die nicht wirklich ist, die nicht beobachtbar ist. Im Handel zählt jeder einzelne Markt. Jede einzelne Filiale muss an ihrem individuellen Standort Bestleistungen erbringen. Und wer mit diesem Blick auf unsere Märkte schaut erkennt: dm ist an jedem Standort schon lange die Nummer eins. Wir machen den größten Umsatz pro Filiale.
 
Was muss man als Leiter eines Unternehmens tun, damit es konstant innovativ bleibt?
Sich überflüssig machen. Andere Menschen befähigen, selbst die richtigen Fragen zu stellen.
 
In aller Kürze: Was erfahren unsere Teilnehmer von Ihnen, das Sie nirgendwo sonst hören?
Das kann ich nicht sagen. Denn bei meinen Vorträgen bemühe ich mich stets darum, auf meine Zuhörer – also meine Kunden – situativ einzugehen. Solange ich meine Kunden nicht sehe, kann ich auch nicht erspüren, was es zu sagen gilt. Außerdem ist es nicht entscheidend, was man hört, sondern was man bemerkt.

Götz W. Werner ist Gründer und Aufsichtsrat von dm-drogerie markt, Deutschlands grösster Drogeriekette mit 2700 Filialen in zwölf europäischen Ländern. Der mehrfach ausgezeichnete Werner hat mit seinem Buch die Diskussion über das staatlich garantierte Grundeinkommen in Gang gesetzt. An der 63. Internationalen Handlestagung vom 12. und 13. September referiert er im GDI.