Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise haben alternative Währungen Hochkonjunktur. Vor allem Bitcoins sind zurzeit in aller Munde. Was 2009 als Online-Währung mit dubiosem Anstrich begann, steht heute kurz davor, sich als globale Alternative zum Dollar, Yen oder Euro zu etablieren.

Wer das System Bitcoin verstehen will, muss sich erinnern, wie konventionelle Währungen funktionieren. Geld hat keinen eigenen Wert an sich. Erst Institutionen wie National- und Privatbanken schaffen ihn, in dem sie Geld mit einem Kurs ausstatten. Sie bestimmen auch, wie viel davon in Umlauf ist und sorgen für die Sicherheit der Transaktionen. Erst diese Regulierungen machen Währungen vertrauens- und somit handelswürdig.

Doch gerade das Vertrauen in staatliche und private Finanzinstitutionen wurde in den vergangenen Krisenjahren massiv erschüttert. Darum werden direkte Zahlungsmittel, die ohne Umwege über den Staat und Banken auskommen, für immer mehr Menschen zur Alternative. Bitcoins sind eine rein digitale Währung. Anstelle von Banking-Regeln und Privacy bildet hier die Kryptographie das für jede Währung nötige Vertrauen. Sie sorgt dafür, dass Transaktionen auf militärischem Sicherheits-Niveau verschlüsselt sind.


In den letzten Monaten haben Medien vermehrt von Menschen berichtet, die Waren erfolgreich mit Bitcoins handeln, oder von Investoren, die mit der Online-Währung reich geworden sind. Und unlängst verkündete der Online-Händler Ebay, Bitcoin als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Das könnte für Bitcoin der Durchbruch bedeuten.

Wie geht es nun weiter? Revolutioniert die neue Währung die Finanzindustrie, wie manche meinen, so wie Napster die Musikindustrie erschüttert hat? Vor seinem Referat am GDI-Trendtag haben wir Jon Matonis, Vorstandsvorsitzender und Verwaltungsrat bei der Bitcoin Foundation, gefragt, warum wir uns Bitcoins zulegen sollten, und wie er die Zukunft der Währung sieht.

Herr Matonis, Geld hat keinen intrinsischen Wert, es bedarf Vertrauen. Menschen, die mit Geld handeln, müssen sich auf die Währungshüter verlassen können. Wir vertrauen der US-Notenbankchefin Janet Yellen oder Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank. Warum sollte jemand Ihnen vertrauen?
Das Schöne an Bitcoin ist, dass die Währung kein Vertrauen in Dritte voraussetzt. Wie beim Handel mit Gold gibt es bei Bitcoin kein Risiko für die Gegenpartei. Die Leute müssen mir also gar nicht vertrauen. Ebenso wenig den Software-Schreibern, denn der Code ist Open Source und wird von Dritten bewertet. Mit anderen Worten: Während auf der Dollarnote «In God We Trust» steht, heisst es bei Bitcoin «In Cryptography We Trust».

Der Kurs von Bitcoin gleicht einer Achterbahnfahrt. Ist Ihre Währung nicht zu unbeständig, um vertrauenswürdig zu sein?

Der Bitcoin ist erst fünf Jahre alt, diese Art von Aktivität war zu erwarten, bis er seinen wahren Wert findet. Diese natürliche Volatilität wird noch verschärft durch einen Mangel an globalem Austausch. Wenn sich die Infrastruktur stabilisiert, stabilisiert sich auch der Preis.

Die Bitcoin Foundation hat ihren Sitz in London und hat als Nachbarn einige der erfolgreichsten (und konservativsten) Banker. Wie wollen Sie die überzeugen, Bitcoin zu verwenden?
Die Banken müssten Bitcoin nicht fürchten, wenn sie die Chancen von Bitcoin erkennen und sich auf ihre eigentlichen Aufgaben besinnen würden: den Tausch, die Treuhänderschaft und die sichere Verwahrung. Die Angst der Banker rührt aus ihrer Rolle als Quasi-Vollstrecker im Auftrag des Staates gegen die finanzielle Privatsphäre. Diese Rolle macht die Banken misstrauisch, wenn es um Innovationen geht. Es sind die Zentralbanken, die sich am meisten vor einer digitalen Währung mit voraussehbarem und stabilem Angebot fürchten müssen.

Sind wir unterwegs zu einem System mit wenigen starken Währungen (Dollar, Euro, Yuan, Franken, Bitcoin)? Oder doch eher zum «Ökosystem der Währungen» (Douglas Rushkoff) mit hunderten von lokalen, regionalen, nationalen, sozialen und globalen Zahlungsmittel?
Ich persönlich glaube, die Welt bewegt sich auf ein System mit einer einzigen Währung zu. Weil das Reibungsverluste reduziert. Staatliche und regionale Kontrolle von Kapital werden aber verhindern, dass das überall möglich sein wird. Erst die Gesetzgebung über artifizielle Zahlungsmittel erlauben ja die vielen nationalen und eingeschränkten Währungen, die wir heute haben. In einem Umfeld von wahrhaft konkurrierenden Währungen und Kryptowährungen würde die Vertrauenswürdigste, Anpassungsfähigste und Nützlichste gewinnen.

Interview: Detlef Gürtler