Dies ist ein Ausschnitt aus einem Artikel des Agora42-Magazins.

Vergessen Sie den intelligenten Kühlschrank. Er taucht immer wieder dann auf, wenn jemand Ihnen Begriffe wie «Internet der Dinge» oder «Smart Home» erklären will. Dieser intelligente Kühlschrank erkennt selbst, ob die Milch leer oder das Joghurt verdorben ist, er schreibt Ihnen die Einkaufsliste oder kauft gleich selber ein, und wenn Sie im Büro versprechen, selbstgebackene Kekse mitzubringen, sendet er Ihnen ein «unbedingt noch Buttter einkaufen» aufs Smartphone. Ja, okay, wie haben es verstanden – oder vielleicht doch nicht so ganz?

Was die Kühlschrank-Erzählung zum Beispiel unterschlägt, ist die Sinnlichkeit der Dinge. Schauen wir uns diese bei einem anderen intelligenten Produkt an: einem BH. Der BH, den der japanische Dessous-Shop Ravijour designt hat, lässt sich nur öffnen, wenn sein Verschluss wahre Liebe spürt. Diese wiederum «spürt» er mithilfe eines Sensors, der die Dopamin-Konzentration am Ort des Geschehens misst – den Wert des auch «Glückshormon» genannten Botenstoffs. Das Video, in dem Ravijour Anfang 2014 den intelligenten BH präsentierte, lokalisiert die Analyse-Software in einem via Bluetooth mit der Wäsche verbundenen Smartphone – ein Job, den der BH-Verschluss allerdings auch selbst erledigen könnte.

Gut, dieses Design war eher ein spielerischer Entwurf als ein marktreifes Produkt. Aber ersetzen Sie «BH» durch «Gürtel» und «Liebe» durch «Stress», und Sie sind bei der aktuellen Frühlingskollektion von Hussein Chalayan. Der aus Zypern stammende Londoner Modedesigner projizierte bei der Pariser Fashion Week den Stress-Zustand seiner Models auf eine Wand neben dem Laufsteg – berechnet aus den aktuellen Werten für Herzschlag und Atemfrequenz, die von deren Gürteln gemessen wurden, sowie der Gehirnaktivität, aufgezeichnet von Elektroden in der Sonnenbrille.

Wir sind es zwar gewohnt, Sinnlichkeit mit Lebewesen zu verbinden, aber es gibt keinen Grund, warum ein Ding, ein Produkt nicht zu sinnlichen Wahrnehmungen fähig sein sollte. Sensoren sind es, die uns Menschen etwas wahrnehmen lassen (wir nennen sie meistens «Sinne»), und Sensoren sind es, die Dinge etwas wahrnehmen lassen: Der Rauchmelder nimmt Rauch wahr, das Fitness-Armband Schritte und Pulsschläge, der GPS-Sensor erkennt, wo wir sind – und das Armaturenbrett merkt, wenn wir übermüdet am Steuer sitzen. Sie alle arbeiten bereits, sie alle bringen uns Nutzen, und viele davon sogar noch weiteren Nutzen, wenn sie nicht für sich alleine arbeiten, sondern mit anderen Dingen oder der ganzen Welt verbunden  sind. Das Internet der Dinge ist keine Zukunftsvision mehr, es existiert bereits. Und es wächst explosionsartig.

Schon jetzt sind weitaus mehr Gegenstände als Menschen mit dem Internet verbunden. Bereits im Jahr 2020 werden weltweit über fünfzig Milliarden Gegenstände vernetzt sein – sechsmal mehr als es dann Menschen auf der Welt geben wird. Autos (und ihre Bauteile), Brillen, Kleider, Kühlschränke, BHs, Heizungssysteme und Parkplätze denken dann mit und organisieren sich selbst (zum Beispiel indem sich das Auto direkt beim günstigsten Anbieter versichert).

Das entscheidende, das neue Element am Internet der Dinge ist dabei nicht das Ding an sich. Entscheidend ist nicht einmal, was und wie die Dinge fühlen, hören oder sprechen können – entscheidend ist, dass sie vernetzt sind; mit uns, mit anderen Dingen. Aus isolierten Produkten werden vernetzte Dienstleistungen. «Smart Home», «Smart City» oder das selbstfahrend Auto sind solche komplexen Produkte, die ohne Vernetzung zahlreicher internetfähiger Dinge nicht möglich wären. Erst die milliardenfachen Verbindungen und die billiardenfachen Kombinations- und Rekombinationsmöglichkeiten machen aus dem technischen Fortschritt der intelligenten Dingen eine systemverändernde Revolution.

Wer beaufsichtigt die vernetzten Dinge? Wer die Netze, und wer die Vernetzer? Den vollständigen Artikel von GDI-Forschungsleiterin Karin Frick lesen Sie in der Ausgabe 2/2017 des Agora42-Magazins.