Google hat den Einzelhandel revolutioniert. Was geschieht jetzt nach der Revolution?
Nach der Revolution? Die Revolution hat doch gerade erst begonnen! Roy Amara hat recht mit seiner Aussage: «Wir neigen dazu, die Wirkung einer Technologie kurzfristig zu überschätzen und langfristig zu unterschätzen.» Niemand von uns ahnt bereits heute, wie sehr das für das Internet zutrifft. Zur Überschätzung kam es 1999 mit der Internetblase. Und die Unterschätzung findet jetzt gerade statt ... Jeff Jarvis, ein amerikanischer Journalist, setzt die Erfindung des Internets meiner Meinung nach zu Recht mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks gleich. Gutenberg hat die Art und Weise, in der Informationen ausgetauscht wurden, grundlegend von eins-zu-eins zu eins-zu-viele verändert. Das Internet macht genau das Gegenteil. Wir werden gerade Zeuge von Veränderungen, die genau so bedeutsam sind wie der Buchdruck, der die Welt damals revolutioniert hat.

Welche Rolle spielt Google Ihrer Meinung nach in diesem neuen Zeitalter?
Google organisiert die Informationen der Welt auch weiterhin und macht sie allgemein zugänglich und verwendbar. Kommerzielle Informationen sind ein äusserst wichtiger Bestandteil unseres Alltags und der Weltwirtschaft und deshalb streben wir auch weiterhin danach, Verbrauchern jeden Tag effizienter dabei zu helfen, Produkte und Angebote von Händlern und Herstellern, die sie lieben, zu finden, zu kaufen und zu nutzen. Da sich insbesondere die Nutzung von Smartphones immer mehr durchsetzt, sind wir der Ansicht, dass wir eine einzigartige Chance haben, einen Grossteil des Wertes, den der Onlinehandel bisher erfahren hat, in grösserem Rahmen auf den Handel der «wirklichen Welt» zu übertragen.

Worin bestehen die drei wichtigsten Veränderungen, die Händler verstehen müssen, um im Zeitalter nach Gutenberg zu überleben?
1. Als direkte Folge des Zeitalters nach Gutenberg müssen Sie begreifen, dass Ihre Kunden mit Ihnen und über Sie sprechen. Beherzigen Sie das.
2. Die Grenzen zwischen elektronischem Handel und nicht-elektronischem Handel verschwimmen von Tag zu Tag mehr. Sie sagen, Sie haben die bessere Online-Strategie? Das können Sie vergessen! Sie brauchen langsam, aber sicher eine Strategie, die die elektronische Welt nahtlos in die wirkliche Welt integriert. Über die Hälfte aller Einkaufsentscheidungen werden bereits in der einen oder anderen Form durch Onlineaktivitäten beeinflusst.
3. Der Wandel erfolgt in immer rasanterem Tempo. Fallen Sie nicht dem Dilemma des Erneuerers zum Opfer. Gehen Sie vernünftige Risiken ein und setzen Sie sich an die Spitze des Wandels, bevor Sie auf der Strecke bleiben.

Vor einigen Jahren schwärmten die Einzelhändler von den Chancen, die das Social Web böte. Heutzutage schliessen einige von ihnen ihre Facebook-Stores bereits wieder. Schon früh haben sich die Verbraucher darüber beklagt, dass die sozialen Netze ein privater Ort wären und Unternehmen draussen bleiben sollten. Haben wir die Kunden missverstanden? Oder erleben wir in einem weiteren Sinne gerade einen gegenläufigen Trend bei der Mediennutzung?
Das Netz und insbesondere soziale Netze sind sehr jung. Es ist doch ganz normal, dass einige Experimente gelingen und andere fehlschlagen. Im Grossen und Ganzen sind wir aber davon überzeugt, dass das Web jenseits von «simplen» sozialen Netzwerken nützlicher und effektiver ist und ausserdem mehr Spass bereitet, wenn es die Verbraucher und ihre Beziehungen versteht und integriert. Genau das treibt unsere Vision für Google+ an: den Wert von sozialen Netzen zu Google zu bringen und den Wert von Google zu den sozialen Netzen zu bringen.


Eric Tholomé ist Direktor für Produktmanagment bei Google. Tholomé leitet Handelsprodukte wie Wallet oder Offers für Google EMEA, zuvor auch YouTube, Gmail und Calendar. Der Stanford-Abgänger arbeitete auch für Palm und Handspring. Eric Tholomé ist Referent an der 62. Internationalen Handelstagung. Das Interview führte Anna Handschuh, Head Conferences des GDI.