Von Karin Frick, Detlef Gürtler und Peter Gloor

Hier finden Sie ein PDF dieses Artikels, die Berichterstattung der «Huffington Post» hier.


ES WIRD MEHR GEMESSEN ALS JE ZUVOR
Und schneller. Rankings waren früher einfach – der meistgespielte Song, das meistverkaufte Buch, der meistzitierte Experte. Mit der Menge der Information und dem Aufstieg neuer Medien und neuer Kommunikationstechniken sind auch die Möglichkeiten gewachsen, um die Verbreitung von Informationen und den Einfluss einer Idee oder eines Produkts oder eines Schauspielers oder eines Denkers zu messen. Rankings und Ratings können heute in Sekundenbruchteilen erstellt und die Top-Themen bei Twitter, Wikipedia, die Verkaufszahlen von Amazon, die meistgestreamten Songs bei Spotify, die meistgesehenen Videos bei Youtube, die meistgesuchten Begriffe bei Google in Echtzeit verfolgt werden – wie ein Börsenticker. Der Trend geht vom Jahres-oder Wochen-Hit zum Echtzeit-oder Instant-Hit. Ein Auftritt im Fernsehen, ein virales Video, ein absonderlicher Tweet können ausreichen, um zum Talk of the Town oder Talk of the World zu werden – nur eben nicht lange. Wenn man Thought-Leader im Minutentakt misst, wächst auch die Chance auf fünfzehn Minuten (oder Sekunden) Berühmtheit. Andy Warhol hätte seine Freude an uns.

Und der Ruhm dreht sich nicht nur schneller, sondern wird auch in immer kleinerer Münze angeboten. Jede Website bietet heute ihr eigenes Ranking der meistgeklickten, «most liked», meistgeteilten, meistkommentierten Beiträge an. Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, wie gross die Verbreitung, die Beliebtheit, der Umsatz insgesamt ist, es kommt darauf an, in der spezifischen Zielgruppe beziehungsweise Filter-Bubble vorn zu liegen. Auf diese Weise sind zahllose neue Mikro-Hitlisten und Peer-Group-Rankings entstanden. Man könnte darauf kommen, diejenigen Fernsehmacher zu bemitleiden, die in dreissig Jahren den Job haben, das Pendant zu den heutigen «80er-Shows» für die Jugend von damals zu machen – aber vermutlich wird es ja dann so etwas wie das, was wir heute noch Fernsehen nennen, gar nicht mehr geben.

WIR HABEN LANGSAMER GEMESSEN
Und allgemeiner. Im Unterschied zu den Mikro-Ratings, die Hits in immer feineren Nischen – eigentlich Silos – erheben, haben wir mit dem Global-Thought-Leader-Ranking versucht, diejenigen Denker und Ideen zu ermitteln, die in die ganze, in die globale Infosphäre ausstrahlen. Die hier präsentierte Untersuchung, die gemeinsam vom GDI Gottlieb Duttweiler Institute und von Peter Gloor und seinem Unternehmen Galaxyadvisors entwickelt wurde, hat sich nichts weniger zum Ziel gesetzt, als mithilfe einer dafür entwickelten Software die einflussreichsten zeitgenössischen Denker weltweit zu ermitteln.
Die Bedeutung und der Einfluss eines Denkers und/oder einer Idee werden in unserer Analyse nicht nur daran gemessen, wie gut sie in einem bestimmten Segment oder auf einer bestimmten Plattform (wie Twitter oder Youtube) ankommen, sondern auch daran, wie stark sie vernetzt und verlinkt sind. Wir messen «Links und Likes» (Norbert Bolz). Im Unterschied zu anderen Rankings werden hier die Global-Thought-Leader nicht nur auf eine Platzziffer reduziert, die Analyse zeigt auch, wie die weltweit führenden Denker vernetzt sind und welche von ihnen länder-und spartenübergreifend relevant sind, im Gespräch sind und Diskussionen auslösen.

Für den Soziologen Randall Collins, einen der weltweit führenden Experten für die Entstehung und Entwicklung von Ideen, entsteht der Fortschritt des Denkens und der Ideen in Denker-Netzwerken (siehe auch Interview Seite 40). Mit den klassischen Ranking-und Umfrage-Methoden können solche Netzwerke nicht erfasst werden – auch die US-Zeitschrift «Time» hat noch nie statt eines «Man of the Year» ein «Network of the Year» gewählt. Der Vorteil der hier angewandten Methode besteht darin, dass sie sowohl dem Einzelnen als auch dem Netzwerk Rechnung trägt. So wurde zum einen für jeden betrachteten Denker ein «Influence-Rank» ermittelt (die Tabelle der Top 100 finden Sie ab Seite 17), zum anderen aber auch für alle zusammen die relativen Positionen in der globalen (also englischsprachigen) Infosphäre aufgezeigt.

BLOGOSPHÄREN-VERNETZUNG

Dem Studiendesign entsprechend, wurden für ein und dieselbe Vorauswahl von mehr als 200 Denkern aus allen Weltregionen und Wissensgebieten zwei unterschiedliche Umfelder gewählt, in denen ihr Einfluss, ihre Zentralität und ihre Vernetzung gemessen wurde: die Blogosphäre und die Wikisphäre.

Die Vernetzung der Top-Denker in der Blogosphäre ist rechts dargestellt. Sie sehen wir in erster Linie als Mass für einen eher kurzfristigen Einfluss. Gemessen wird hier jeweils, wer wie intensiv im Gespräch ist. Die gelben Punkte stellen dabei die in die Untersuchung einbezogenen Quellen dar, die roten Punkte die erfassten Personen. Wobei eine Reihe von Personen hier nicht in die Wertung eingingen, da sie nicht die vorgegebenen Aufnahmekriterien erfüllten: vorwiegend als Denker agierend, über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich.

Die Position eines Denkers oder einer Idee kann von aktuellen Ereignissen beeinflusst sein, die just während des Beobachtungszeitraums eine besondere Aufmerksamkeit für einzelne Personen schaffen. Im vergangenen Jahr dürfte dies beispielsweise ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dass der umstrittene deutsche Publizist Thilo Sarrazin auf Platz 2 des weltweiten Rankings landete – sein Buch «Europa braucht den Euro nicht» war gerade erschienen und hatte nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern heftige Debatten ausgelöst. Ein Jahr später, ohne neues Buch und ohne neues debattenträchtiges Thema, landete Sarrazin im Blog-Ranking auf Platz 70 und im Gesamtergebnis auf Platz 116.

WIKISPHÄREN-VERNETZUNG
Die Vernetzung innerhalb der (englischsprachigen) Wikisphäre, die im Ranking des vergangenen Jahres noch nicht in die Wertung aufgenommen war, ist hier links abgebildet. Unter der Annahme, dass die Nennungen sowie die Formulierungen in Wikipedia-Artikeln eine relativ neutrale und objektive Sicht auf die Relevanz und den Einfluss einzelner Denker bieten, wurden die Quantität und die Qualität der Beziehungen zu Personen und Konzepten gemessen. Hinter den rosa Punkten verbergen sich in der Darstellung einzelne Konzepte, Begriffe oder Institutionen, hinter den roten wiederum Personen.
Die grössere Anzahl unbeschrifteter Punkte im Vergleich mit der Darstellung zur Blogosphäre auf der vorigen Seite lässt sich vor allem auf die deutlich höhere Zahl von verstorbenen Denkern zurückführen, die (wie Immanuel Kant oder Milton Friedman) in vielen Einträgen als Bezugspersonen genannt werden. Einige dieser Punkte wurden in der Grafik beispielhaft beschriftet (in grauer Schrift).

Wir sehen die Position der Ideengeber innerhalb der Wikisphäre als eine eher mittelfristige Einfluss-Messgrösse. Kurzfristig heiss tobende Debatten finden in der Regel nur geringen und selten nachhaltigen Niederschlag in den jeweiligen Wikipedia-Einträgen. Wer mit seinen Büchern und Beiträgen aber dauerhaft Einfluss auf gesellschaftliche Debatten ausübt, wird in der Regel auch von den Wikipedia-Autoren entsprechend gewürdigt.

DENKER UND MACHER
Der für sich genommen wohl wichtigste Faktor für die Bestimmung des Ergebnisses war die Bestimmung der in die Untersuchung aufzunehmenden Personen. Wie bei jeder Analyse von Netzwerken ist auch die Arbeit der von Galaxyadvisors hier eingesetzten Coolhunting-Software stark abhängig vom Input – nur wenn die Knoten vorgegeben sind, kann durch die Verbindung zwischen ihnen ein Netzwerk entstehen. Unseres Erachtens ist hier insbesondere die Abgrenzung der Denker von den Machern wichtig und diskussionswürdig. Als Thought-Leader haben wir diejenigen definiert, die in erster Linie durch ihre Worte Einfluss ausüben und nicht durch ihre Taten. Aktive Politiker und Top-Manager zum Beispiel wurden deshalb (fast) durchgängig nicht aufgenommen.

Diese Abgrenzung vorzunehmen, ist in Europa und Amerika in der Regel unproblematisch und wird nur an den Rändern schwierig. Allerdings kann es dann dort regelmässig zu Grenzfällen kommen. Zum Teil resultierten daraus Einzelfallentscheidungen zur Aufnahme in den Denker-Kreis, die auch in unserem Untersuchungsteam umstritten waren: Al Gore haben wir zu den Denkern gezählt, Bill Clinton oder Jimmy Carter hingegen nicht. Die Unternehmer Craig Venter und Elon Musk haben die Aufnahme in den Kreis der Thought-Leader geschafft, weil sie über ihre eigenen Produkte hinaus die Welt bewegt haben – bei ihren Kollegen Bill Gates oder Larry Ellison haben wir den Fokus der Debatte eher auf den unternehmerischen Aktivitäten im engeren Sinn gesehen und sie deshalb nicht mit in die Wertung genommen. Der Spekulant George Soros ist dabei, weil er sich auch stark in der gesellschaftlichen Debatte engagiert, der Spekulant Warren Buffett hingegen bleibt aussen vor, weil er sich für wenig anderes ausser Geldverdienen interessiert. Grossjournalisten wie Malcolm Gladwell oder Frank Schirrmacher gehören für uns zu den Denkern, die Enthüllungsjournalisten Julian Assange oder Glenn Greenwald hingegen nicht.

SCHÖNGEISTIGE GROSSDENKER
Während in unserer Kultur die prägenden Denker eher in den geisteswissenschaftlichen Bereichen und oft an Universitäten tätig sind, mussten wir im gesamten spanischsprachigen Raum einen anderen Suchmodus anwenden. Denn dort wird die Rolle der gesellschaftsprägenden Grossdenker traditionell von Schriftstellern eingenommen (wie Gabriel García Márquez oder Mario Vargas
Nur Denker, keine Macher wurden in den Kreis der Global- Thought-Leader aufgenommen. 16
Llosa). Auch in einigen anderen Fällen haben wir Belletristiker in den Kreis der Thought-Leader-Kandidaten aufgenommen, so etwa den indischen Schriftsteller Salman Rushdie.
Faktisch aufgegeben haben wir den Abgrenzungsversuch zwischen Denkern und Machern in Schwellen-oder Entwicklungsländern. Hier ist zum einen die Intellektuellen-Dichte so gering, dass die besten Denker häufig in leitenden politischen Funktionen zu finden sind – wie die nigerianische Ökonomin Ngozi Okonjo-Iweala, die nach mehreren Jahren in der Führungsspitze der Weltbank derzeit in ihrer Heimat als Finanzministerin amtiert.

Zudem wird das abendländische Modell der Arbeitsteilung zwischen Denkern und Machern längst nicht in aller Welt so stringent angewandt: China beispielsweise kann auf eine mehrtausendjährige Tradition zurückblicken, wonach es für die besten Köpfe des Landes stets das erstrebenswerteste Karriereziel war – Beamter zu werden. Allerdings kommt hier auch hinzu, dass unsere Grundannahme, in der englischen Sprache werde am globalsten gedacht, zwar in fast der gesamten Welt zu gelten scheint, aber in China ganz offensichtlich nicht. Eine Vernetzung zwischen chinesischen und anderen Denkern war weder in der Blogosphäre noch in der Wikisphäre für uns messbar: Von den vier Chinesen, die im Kreis der 216 untersuchten Denker waren, hat es kein einziger in die Liste der Top 100 geschafft.


PHILOSOPHEN IN DER SPITZE
Was sagt nun die von uns hier präsentierte Thought-Leader-Untersuchung? Sie sieht eine Fachdisziplin sehr weit vorn, von der oft behauptet wird, dass sie im Wettstreit der Aufmerksamkeitsökonomie unterliegt: die Philosophie. Der Australier Peter Singer, der Slowake Slavoj Žižek und der US-Amerikaner Daniel Dennett (auf den Plätzen 3 bis 5) gehören allesamt dieser Fachrichtung an; und beim Denker mit dem zweithöchsten Influence-Rank der diesjährigen Studie, bei dem Deutschen Jürgen Habermas, kann man sich lange und gepflegt darüber streiten, ob er eher dem Soziologen-oder dem Philosophenlager angehört. Die vermeintliche Verflachung der öffentlichen Debatte ist zumindest aus diesem Ergebnis nicht herauszulesen.

Dabei verdanken die Philosophen in der Spitzengruppe ihre gute Position in der Gesamtwertung auch nicht so sehr einem Spitzen-Ranking in einer der beiden Kategorien, sondern eher soliden Positionen in beiden Wertungen. Damit sind sie eher eine Ausnahme unter den beobachteten Grossdenkern – in vielen Fällen zeigen sich sehr unterschiedliche Bilder bei den Ranglisten der Blogosphäre und der Wikisphäre (die Top 20 der jeweiligen Einzelwertungen finden Sie auf Seite 38). Bei der Blogosphärenwertung muss man auch weiterhin davon ausgehen, dass einzelne Personen nur deshalb bis weit nach oben vordringen, weil sie just im Beobachtungszeitraum ein kontroverses Buch veröffentlicht hatten. Das kann auch in den kommenden Jahren zu im Weltmassstab eher verwunderlichen Platzierungen in der Blogosphärenwertung führen wie dem zweiten Platz für Thilo Sarrazin 2012 oder dem vierten Platz für den deutschen Feuilletonisten Frank Schirrmacher («Ego») in diesem Jahr.

GANZ VORN: EIN DENKER, DER EIN MACHER WAR

Bei der Untersuchung des vergangenen Jahres mussten wir noch konstatieren, dass es offenbar zu jener Zeit keinen überragenden Denker gab. Das gilt in dieser Untersuchung nicht: Sowohl in der Blog-als auch in der Wiki-Rangliste liegt Al Gore mit deutlichem Abstand vorn. Allerdings resultiert diese Position, bei allem Respekt für den ehemaligen US-Vizepräsidenten, Oscar-und Friedensnobelpreisträger, wohl nicht so sehr aus der Originalität seiner Gedanken, sondern eher aus seiner Fähigkeit, Gedanken zu popularisieren und eine Brücke zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik zu schlagen. Der Film «An Inconvenient Truth» von 2006 popularisierte den Kampf gegen den Klimawandel, ohne selbst neue Erkenntnisse zur Diskussion beigetragen zu haben. Ähnliches lässt sich für die zwei Begriffe sagen, die Gore vor zwei Jahrzehnten prägte und mit denen er bis heute verbunden wird: «Information Superhighway» und «Global Marshall Plan». Dass er damit noch heute ein derart herausgehobenes Ergebnis erreicht, deutet in erster Linie darauf hin, dass es weltweit an Persönlichkeiten fehlt, die solche Brückenschläge zwischen Denken und Machen bewerkstelligen können.

Deutlich grösser ist in der Thought-Leader-Rangliste der Anteil jener Denker, die Brücken zwischen Fachdisziplinen schlagen und Weltregionen im Diskurs verbinden können. Die meisten von ihnen werden in der Tabelle mit dem Fachgebiet «Publizist» geführt – Persönlichkeiten wie Frank Schirrmacher oder Malcolm Gladwell (oder eben Al Gore), die es verstehen, Ideen von anderen Denkern in gute Geschichten zu packen und zu popularisieren. Dass es sich nicht um die schlichte Kopie bereits vorhandener Gedanken handelt, zeigt sich hierbei daran, dass jeweils eine herausragende Begriffs-Arbeit zu verzeichnen ist. Thomas Friedmans «Flat World» oder Malcolm Gladwells «Tipping Point» haben Vorhandenes auf einen neuen Begriff gebracht und damit zu neuem Leben erweckt.

BUNTERE MISCHUNG
Bei der Thought-Leader-Untersuchung des vergangenen Jahres stellten wir eine besonders hohe Konzentrationen der USA, der Männer und der Ökonomen auf den vorderen Plätzen fest. Wir waren uns dabei unsicher, inwieweit dieses Ergebnis tatsächlich deren Bedeutung in den Denker-Netzwerken widerspiegelt oder ob es womöglich auf unsere Auswahlkriterien zurückzuführen war. Deshalb haben wir bei der Ergänzung der Liste 2012 insbesondere darauf geachtet, auch auf Länder-, Geschlechter-und Fach-Ebene Mindestquoten einzuhalten.

Diese (buntere) Mischung der Vorauswahl für die ThoughtLeader ist auch im Endergebnis wiederzufinden. Während man bei Quotenregelungen (in der Vorauswahl) gern damit rechnet, dass im eigentlichen Wettbewerb die quotierten Kandidaten in der Wertung nach hinten rutschen, liess sich hier fast nirgends ein solcher Effekt beobachten: So lag der Frauenanteil unter allen Kandidaten bei 12,5 Prozent, unter den Top 100 bei 16 und unter den Top 20 bei 10 Prozent. Und die Ökonomen stellen zwar immer noch das grösste Kontingent unter den Denkern, aber ihr Anteil reduzierte sich von etwa einem Drittel auf 19,1 Prozent. Weiterhin eher gering vertreten sind hingegen die Naturwissenschaftler. Sowohl die Biologen als auch die Physiker stellen jeweils vier der Top-100-Denker, womit sie als beste der Naturwissenschaftler den sechsten Platz unter allen Fachdisziplinen belegen.

Was die nationale Verteilung angeht, so ist auch weiterhin an der überragenden Bedeutung der USA nicht zu rütteln. 43 der 100 Bestplatzierten sind US-Staatsbürger, und wenn man die Doppelstaatsbürgerschaften anteilig mitzählt, kommt praktisch jeder zweite der einflussreichsten Denker der Welt aus den Vereinigten Staaten. Würde man nicht die Staatsbürgerschaft, sondern den Wohn-oder Arbeitsort berücksichtigen (was hier nicht geschehen ist), dürfte das Ergebnis noch eindeutiger ausfallen. Deutlich stärker als bislang vertreten ist Indien (mit vier von hundert auf Platz 4 der Nationenwertung), anders als China, das unter den ersten hundert überhaupt nicht auftaucht. Inwieweit in künftigen Thought-Leader-Untersuchungen die grossen nicht-abendländischen Kulturen stärker berücksichtigt werden sollten, haben wir in einem gesonderten Beitrag diskutiert.

VIDEO ALS VERSTÄRKER
«Wer mit seiner Idee die Welt verändern will, muss offenbar auch heute noch ein Buch schreiben.» So hiess eine der Erkenntnisse aus unserer Untersuchung im vergangenen Jahr. Diese halten wir so nicht mehr aufrecht. Deutlich sichtbar wird inzwischen, dass neben Büchern auch andere Wege an Bedeutung zunehmen, wenn es darum geht, eine Idee bekannt zu machen. Eine besondere Relevanz hierbei haben derzeit Video-Talks, vor allem von Ted-Konferenzen. 13 der Thought-Leader aus den Top 20 haben einen erfolgreichen Ted-Talk oder ein Youtube-Video, das es auf über 500 000 Views bringt. Umso mehr überrascht, dass es auch Vordenker ohne Ted-oder Youtube-Auftritte und ohne grosse Marketing-Maschine im Rücken in die Top 20 schaffen. Während Bücher von Al Gore wie Hollywood-Filme vermarktet werden, steht hinter Jürgen Habermas (vermutlich) eine vergleichsweise ziemlich bescheidene Marketing-Maschinerie.

METHODE
Für die Global-Thought-Leader-Ermittlung wurde mit der Coolhunting-Software der Firma Galaxyadvisors gearbeitet. Diese bewertet die Relationen zwischen den untersuchten Personen in der englischsprachigen Infosphäre, die Häufigkeit und Relevanz der Nennungen. Dabei wurden zwei getrennte Wertungen für den Einfluss in der Blogosphäre sowie in den Wikipedia-Artikeln vorgenommen.

KANDIDATEN-AUSWAHL
Für die Vorauswahl der Personen wurde auf qualitative Einfluss-Rankings (u. a. «Foreign Policy», «Prospect Magazine») ebenso zurückgegriffen wie auf die Denker des letztjährigen GDI-Thought-Leader-Rankings oder Teilnehmer an kuratierten Anlässen der höchsten Kategorie (z. B. Redner bei Ted-Events), sofern sie die Thought- Leader-Kriterien erfüllten: vorwiegend als Denker agierend, über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinaus bekannt und einflussreich. Schliesslich wurden zusätzliche Kandidaten aus zuvor unterrepräsentierten Disziplinen, Weltregionen oder -sprachen aufgenommen.

EINFLUSS-KENNZIFFER

In den beiden Kategorien Wiki- und Blogosphäre wurde für die Ausgangsgruppe von 216 Kandidaten jeweils eine Einfluss-Kennziffer ermittelt. Für die Gewichtung der Blogosphäre-Quellen ermittelt die Netzwerkanalyse-Software einen themenspezifischen Relevanz-Koeffizienten. Die Einfluss-Kennziffer ist keine absolute Grösse (wie etwa der Google-Page-Rank), sondern jeweils von der Zusammensetzung der Grundgesamtheit abhängig: Durch eine Änderung der Personengruppe oder eine andere Auswahl der zugrunde liegenden Quellen würde sich die absolute Höhe der Kennziffer ändern.

INFLUENCE-RANK
In beiden Bewertungskategorien wurde aus den Einfluss-Kennzahlen jeweils eine Platzziffer gebildet. Diese beiden Zahlen wurden addiert – je niedriger die Summe, desto besser die Gesamtplatzierung. Bei Summengleichheit entschied die Anzahl der Google-Scholar- Treffer über die Rangfolge. Die sich hieraus ergebende Platzierung entspricht dem Influence-Rank.