Von Karin Frick

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

«My Medical Choice» hiess am 14. Mai 2013 die Überschrift eines Beitrags in der «New York Times». Die Autorin hiess Angelina Jolie, und die medizinische Entscheidung, von der sie dort schrieb, war eine «beidseitige prophylaktische Mastektomie», die Amputation beider Brüste – vorsorglich, denn Jolie hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Brustkrebs, wohl aber ein genetisch bedingtes hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Ohne Operation läge ihre Brustkrebs-Wahrscheinlichkeit bei 87 Prozent, schrieb Jolie, hoch genug, um sich diesem Risiko nicht auszusetzen.

Die Berichterstattung schlug, kaum überraschend, hohe Wellen. Zwar gab es schon seit langem Fachdiskussionen über den Umgang mit genetischen Dispositionen – wie sollen Ärzte und Patienten sich verhalten, wenn Gentests zwar keine Erkrankung, aber doch eine Erkrankungswahrscheinlichkeit aufdecken? Doch erst der Fall Jolie führte dazu, dass diese Fragen auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden. Eine klare Antwort wurde übrigens nicht gefunden: Die Amputation bringt zwar das Brustkrebs-Risiko auf praktisch null, aber mit häufigeren Vorsorge-Untersuchungen kann das Risiko ebenfalls stark reduziert werden.

Ungenutztes Potenzial

Aufgrund des technischen Fortschritts der Bio- und Informationstechnologie verfügen wir heute über so viele Daten wie nie zuvor. Sie stammen zum einen aus Genanalysen, die immer schneller und billiger werden, und zum anderen erzeugt die zunehmende Nutzung von mobilen Geräten riesige Mengen von persönlichen Verhaltensdaten.

Während die Erkenntnisse aus Gen-Analysen bereits für die Diagnose und Therapie bei verschiedenen Krankheiten genutzt werden, wurde das Potenzial von Smartphone- und anderen individuellen Daten für die Gesundheit noch kaum erkannt. Doch bereits heute könnten Google oder mein Telco-Provider mehr über meine individuellen Gesundheitsrisiken wissen als mein Arzt oder meine Versicherung. Durch die Auswertung von Suchanfragen kann Google zum Beispiel kritische Wechselwirkungen zwischen Medikamenten früher als jede Behörde erkennen. Eric Horvitz, Kodirektor der Microsoft-Forschung in Redmond, erwähnte kürzlich eine Software, die die Risiken einer postnatalen Depression mit unheimlicher Genauigkeit vorhersagen kann, indem sie auf Twitter die Beiträge von Müttern mit Neugeborenen analysiert und misst, wie häufig sie Wörter wie «ich», «mir», «mich» verwenden.

In Zukunft werden Smartphones und andere Smart-Geräte noch viel mehr Gesundheitsdaten liefern. Die nächste Generation von mobilen Geräten wie Google-Brillen und iPhone-Uhren werden wir direkt am Körper tragen. Sie zeichnen alles auf, was wir tun, mit wem wir kommunizieren, wie viel wir uns bewegen, was wir essen, wie wir uns fühlen, wie wir schlafen. Auch die Messung von Vitalwerten wie Puls, Blutdruck und Blutzucker gehören bald zur Standardausstattung von Mobilgeräten. Die Auswertung der Kommunikations- und Bewegungsmuster vieler Menschen ermöglicht es, auch individuelle Gesundheitsrisiken immer besser vorherzusagen. Zurzeit entwickeln verschiedene Unternehmen entsprechende Gesundheits-Apps. Nur ein Beispiel: Ginger IO ist eine Smartphone-App, die zwei Tage im Voraus sagen kann, ob eine Depression ausbricht – indem sie Kommunikations- und Bewegungsmuster aus Smartphone-Daten analysiert. Die App konzentriert sich dabei vorerst auf Menschen mit Diabetes, die ein sehr hohes Risiko für Depressionen haben.

Theragnostik und Nudging

Mit der Verdatung des Lebens erhält die Medizin eine neue Grundlage. Bisher gehen die meisten Menschen erst zum Arzt, wenn gesundheitliche Beschwerden auftreten und etwas wehtut. Der Arzt untersucht den Patienten, erstellt eine Diagnose und baut darauf die Therapie auf. Wenn wir nun aufgrund immer besserer Prognosemöglichkeiten unsere Gesundheitsrisiken früher kennen, setzt die Behandlung oder besser die Prävention viel früher an, idealerweise lange bevor eine Krankheit ausbricht. Damit verschiebt sich der Fokus der Behandlung von der Diagnose zur Prognose. Prävention kann viel gezielter eingesetzt werden: Statt nur allgemeine Verhaltensregeln zu propagieren, versucht man, direkt auf individuelle Risiken einzuwirken.

Predictive Analytics Vorerst geht es um Kurzfrist-Prognosen: Das Monitoring wird zuerst bei chronisch Kranken eingesetzt, um mögliche Komplikationen vorherzusehen und frühzeitig zu behandeln. In Zukunft werden Therapie und Prognose immer stärker verschmelzen (Theragnostik). Der Fokus der Behandlung wird sich allmählich verschieben von Pillen auf Apps. So könnten statt eines Schlafmittels auch Schlaf-Apps verschrieben werden, die den individuellen Schlafrhythmus überwachen und das Verhalten coachen. Im Zuge des Aufstiegs des Internets der Dinge werden auch Wohnungen und Kleidung immer öfter mit Sensoren ausgerüstet, die alle Aktivitäten der Nutzer nahtlos aufzeichnen, in Echtzeit Feedback geben und ihn zu einem gesundheitsfördernden Verhalten «nudgen».

Angenommen, die Vorhersagen der Prediction-Tools werden immer präziser, zuverlässiger und immer mehr Menschen setzen sie regelmässig ein. Werden sie dann besser entscheiden, weniger krank, seltener verunfallen und länger mit ihrem Partner zusammenbleiben? Wie wirken negative Prognosen? Was werden sie tun, wenn ihnen diese Systeme ein signifikant erhöhtes Risiko vorhersagen, an Krebs oder Alzheimer zu erkranken? Die Anbieter von Predictive Analytics versprechen: Je mehr man über potenzielle Risiken weiss, umso besser kann man sie vermeiden. Man erstellt Prognosen, weil man annimmt/hofft, dass Menschen aufgrund besseren Wissens rationaler entscheiden und aufgrund besserer Einsicht gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen unterlassen.

Reaktionen auf negative Prognosen

Aber stimmt das auch? Die Verhaltensforschung zeigt doch, dass Menschen oft nicht rational, sondern emotional entscheiden. Auch wenn die Prognose relativ eindeutig ist, wie etwa beim Rauchen, führt dies nicht zwingend zu Verhaltensänderungen. Es gibt mehrere weitere Möglichkeiten, um auf eine negative Prognose zu reagieren:

Überreaktion/Panik Die von einer potenziellen Erkrankung Betroffenen gehen häufiger zum Arzt, machen mehr Gesundheits-Checks oder sind gelähmt vor Angst.

Unterschätzen Die meisten Menschen sind von Natur aus optimistisch, sie glauben, dass sie die «glückliche Ausnahme» sind und die Krankheit sie nicht treffen wird – und sie darum auch nichts dagegen unternehmen müssen.

Ignorieren Eine schlechte Prognose wird oft auch ganz ignoriert. Man zweifelt am Verfahren, unterstellt Messfehler und entschärft das Ergebnis, nach dem Motto: «Wieso soll ich mir heute darüber Sorgen machen, was in dreissig Jahren sein wird? Jeder muss ja einmal sterben, oder?»

Faktoren für Verhaltensänderung

Ob bessere Prognosen eine Verhaltensänderung bewirken, hängt dementsprechend von einer ganzen Reihe von Faktoren ab.

Zeithorizont Je weiter wir im Voraus planen, desto grösser werden die Ungewissheiten, und je weiter etwas entfernt ist, desto geringer ist der Wert für uns. Wie viel Wert hat eine um sieben Jahre gesteigerte Lebenserwartung für eine 25-Jährige? Bei Zukunftsprognosen spielt das Phänomen der Abwertung zukünftiger Ereignisse eine grosse Rolle. Warnungen über zukünftige Krankheiten werden weniger ernst genommen, je weiter weg diese möglichen Krankheiten empfunden werden.

Relevanz und Wert Wie wichtig ist das vorhergesagte Ereignis für mich? Ist es mir wichtig, dass ich in zwanzig Jahren noch schlank und fit bin, und was ist es mir wert? Bin ich bereit, zugunsten der Zukunft jetzt zusätzlichen Aufwand auf mich zu nehmen, zum Beispiel zu sparen, öfter zu Fuss zu gehen oder Diät einzuhalten? Vielleicht habe ich vor dem Erreichen des Rentenalters einen Unfall und hätte besser ein Leben in Saus und Braus genossen. Wie das Sprichwort sagt: «Eat, drink and be merry, for tomorrow we may die.»

Gefühlte Wahrscheinlichkeit Wie hoch erachte ich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis wirklich eintrifft und mich betrifft? Ausschlaggebend sind hier die Art und Weise, wie wir Statistiken verstehen und Wahrscheinlichkeiten einschätzen. Risiken werden oft mittels Prozentzahlen kommuniziert. Viele Menschen aber verstehen Prozentangaben nicht und sind nicht in der Lage, mit ihnen richtig umzugehen.

Emotionen, Hoffnung und Angst
Wird das Leben in Zukunft besser oder schlechter, muss ich mich fürchten, oder kann ich mich freuen? Die Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, hat einen grossen Einfluss auf die gefühlte Wahrscheinlichkeit. Wenn Ereignisse starke Emotionen auslösen, fällt es uns sehr schwer, diese mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit zu gewichten. Medienanalysen haben gezeigt, dass über Todesfälle durch Morde, Unfälle und Naturkatastrophen im Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens zu oft berichtet wird, während wir über Todesfälle durch Krankheiten zu selten informiert werden. Plötzliche und unvorhersehbare Ereignisse sind dramatischer und lösen mehr Emotionen aus, weshalb sie eher berichtet werden und leichter zu erinnern sind. Langfristige Gefahren, wie der Klimawandel, haben diese Wirkung aufgrund ihrer Stetigkeit nicht.

Gefühlte Kontrolle Ist die prognostizierte Krankheit heilbar? Kann ich etwas tun, um sie zu verhindern? Ob wir zum Beispiel an Altersdiabetes erkranken, können wir selbst beeinflussen. Diabetes ist oft ein Resultat ungesunder Lebensweise. Selbst wer genetische Prädispositionen für Diabetes aufweist, kann mittels Ernährung und Bewegung einiges tun, um das Auftreten der Krankheit zu vermeiden. Anders verhält es sich bei Krankheiten, bei denen wir keine Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen. Kontrolle bedeutet auch: Wem gehören die Daten, und wer kennt meine Gesundheitsrisiken?

Wir interessieren uns für Prognosen, weil wir mehr Kontrolle über unser Leben und weniger Risiken ausgesetzt sein wollen. Ob und wie intensiv wir Prognose- und Selbstbeobachtungs-Tools in Zukunft nutzen, hängt wesentlich davon ab, ob wir damit – gefühlt – mehr Kontrolle über unser Leben gewinnen oder fürchten, von mächtigen Organisationen kontrolliert und manipuliert zu werden.