Um das Jahr 2000 herum geschah etwas von grosser Tragweite: Eine bedeutende neue und «softe» Technologie wurde erwachsen. Nach der Erfindung der Schrift und des Geldes ist Software erst die dritte bedeutende Soft-Technologie der menschlichen Zivilisation. Jetzt, nach fünfzehn Jahren im Software-Zeitalter, wissen wir immer noch nicht so genau, was da eigentlich passiert ist. Marc Andreessens inzwischen allgemein bekannter Satz «software is eating the world» deutet an, dass da etwas Bedeutendes passiert ist. Dennoch beginnen wir gerade erst, die neue Welt zu verstehen, in der wir uns wiederfinden.

Nur eine Handvoll allumfassend anwendbarer Technologien haben zu einer tief greifenden Umgestaltung der Welt geführt, die die Bezeichnung eating (verschlingend) verdient: Elektrizität, Dampfkraft, Präzisionsuhren, Schrift, Geld, Eisenverarbeitung und Landwirtschaft, um nur einige zu nennen. Und nur zwei davon, nämlich die Schrift und das Geld, sind «softe» Technologien. Sie sind offensichtlich nicht materiell, können aber doch eine Vielzahl physischer Formen annehmen. Software verhält sich zu Computern oder anderer IT-Hardware so wie Geld sich zu Münzen oder Kreditkarten und die Schrift sich zu Tontafeln oder Büchern verhält.

Erst ungefähr seit dem Jahr 2000 hat Software diese ungebremste und von Hardware-Spezifikationen losgelöste Kraft entfaltet, die sie heute besitzt. Vorher, im ersten halben Jahrhundert der modernen Datenverarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg, war Hardware die treibende Kraft. Die von der Industrie geprägte Welt benutzte Software vorwiegend dazu, bestehende Aufgaben zu bewältigen – beispielsweise die Bestandserfassung und Gehaltsabrechnung. Sie wurde aber nicht von Software überwältigt. Die Technologie-Experten jener Zeit konzentrierten sich weitgehend darauf, die offensichtlichen und gegenwärtigen Probleme des Industriezeitalters zu lösen, statt die zukünftigen Möglichkeiten auszuloten, die in der Datenverarbeitung selbst verborgen sind.

Irgendwann rund um die im Jahr 2000 platzende Dotcom-Blase veränderte sich jedoch der Charakter von Software und ihr Verhältnis zur Hardware. Der Übergang war durch ein beschleunigtes Wachstum der Software-Branche und den Höhepunkt der relativen Vorherrschaft der Hardware gekennzeichnet. Der Wechsel vollzog sich zuerst innerhalb der IT-Branche und dehnte sich dann auf die gesamte Wirtschaft aus.

Aber die wirtschaftlichen Kennzahlen vermitteln nur eine vage Vorstellung von der daraus resultierenden tief greifenden gesellschaftlichen Umwälzung. Ein einfaches Beispiel: Heute kann ein 14-jähriger Teenager (der zu jung ist, um von den Arbeitsmarktstatistiken erfasst zu werden) das Programmieren erlernen, bedeutende Beiträge zu Open-Source-Projekten leisten und sich noch vor Erreichen der Volljährigkeit zu einem Programmierer entwickeln, der kaum einen Vergleich mit Profis zu scheuen braucht. Das ist das, was wir unter breaking smart verstehen: Ein Wirtschaftssubjekt versteht es, die frühe Beherrschung einer aufkommenden Technologie zu seinem Vorteil zu nutzen – in diesem Fall ist es ein Jugendlicher, der die Möglichkeiten nutzt, die die Software bietet. Auf diese Weise übt er einen überproportional grossen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung aus.

Nur ein kleiner Bruchteil dieser enorm wertvollen Leistungen würde bei den herkömmlichen Messverfahren für ökonomische Aktivität überhaupt sichtbar, nämlich nur die Kosten für einen Laptop und einen Internet-Anschluss. Betrachtet man lediglich die sichtbaren wirtschaftlichen Auswirkungen, könnten solche Aktivitäten sogar als negativer Wert in Erscheinung treten – als eine Art Technologie-getriebener Deflation. Aber die tatsächliche wirtschaftliche Bedeutung dieses unsichtbaren Vorgangs ist mindestens vergleichbar mit der Geschichte eines 18-Jährigen, der im Lauf von vier Jahren 100’000 Dollar an Studiengebühren ausgibt, um einen traditionellen College-Abschluss zu erhalten. In Extremfällen kann der Wert sogar so hoch sein wie der einer gesamten Branche. Die Musikindustrie ist dafür ein Beispiel: Ein von dem Teenager Shawn Fanning entwickeltes Produkt, nämlich Napster, hat eine Kaskade von Innovationen ausgelöst. Die grösste sichtbare Auswirkung war der atemberaubend schnelle Niedergang der grossen Platten-Labels. Zu den unsichtbaren Auswirkungen gehört eine regelrechte Explosion unabhängiger Musikproduktionen und ein schnelles Wachstum im Bereich der Live-Konzerte.

«Software is eating the world» ist eine Geschichte, die von sichtbaren und unsichtbaren Faktoren handelt: Kleine, kaum messbare Effekte, die nicht gerade überwältigend erscheinen oder sogar negativ wirken – und grosse unsichtbare positive Effekte, die man leicht übersehen kann, wenn man nicht weiss, worauf man achten soll.

Dies ist ein Ausschnitt aus dem ersten Teil der «Breaking-Smart»-Reihe des US-amerikanischen Beraters und Bloggers Venkatesh Rao (ribbonfarm.com). Hier weiter lesen.