«Crowdbuilding»: Pariser Architekten bauen auf Gemeinschaft
(von Daniela Tenger, 13. Mai 2016)


Ideen für neue Gebäude oder Quartiere stossen eigentlich immer auf Gegenwehr: Für die einen zu gross oder zu gewagt, für die anderen zu langweilig – sicher immer zu teuer. Hinter den Bauprojekten stehen meist Investoren und Immobilienhaie. Die An- und Bewohner haben wenig zu sagen.

Das Pariser Architektenteam Marin + Trottin von Périphériques Architectes will das ändern. Für den 2014 von der Bürgermeisterin Anne Hidalgo initiierten Architektur-Wettbewerb «Reinventer Paris» haben sie das Projekt «Paris Par Nous Paris Pour Nous» entwickelt: Ein modulares Gebäudekonzept, das unterschiedlichste Stile und Wohnformen miteinander verschmelzen lässt.


Die Anwohner sollen sich mit kleinen Beiträgen beteiligen, das Projekt also über Crowdfunding finanzieren. Damit wird jeder zum Hauseigentümer, inklusive Mitsprache-Recht. Die Mietzinsen werden von den Crowdfundern für «ihre» Gebäudeteile mitbestimmt, so dass die Mietpreise über den ganzen Gebäudekomplex hinweg stark variieren können.

Durchmischung ist denn auch ein weiteres Ziel der Architekten: Die Wohnungen sollen nicht nur in verschiedenen Preisklassen, sondern auch für unterschiedliche Altersgruppen und Wohnformen angeboten werden. Gemeinschaftliche Flächen wie ein Café oder ein Kino gehören ebenfalls dazu.

Auch wenn das Projekt im Architektur-Wettbewerb nicht weiter kam, zeigt es doch, wie die Städte der Zukunft mit Bevölkerungswachstum und Individualisierung umgehen können. Und «Crowdbuildung» schafft es vielleicht, das verlorene Quartiergefühl der Städte wieder zu beleben.


Hier bezahlen Sie mit Ihrem Gesicht
(von Mauro Guarise, 5. Februar 2015)


Es ist 2015, und dennoch kann an der Supermarktkasse erstaunlich viel schiefgehen. Kein Bargeld dabei, Bankkarte vergessen, Kundenkarte zuunterst in der Handtasche – warum geht Bezahlen heute nicht einfacher?

Diese Frage muss sich auch der australische Lebensmittelhändler «100% Genuine» gestellt haben. In China führt die Kette ein Bezahlsystem ein, das keine Währung, keine Karte, ja, überhaupt keine Dritt-Gegenstände für die Transaktion benötigt.

«Face Pay» steht für das Bezahlen mit Gesicht und Händen. Das smarte System scannt die Kapillaren im Gesicht und in den Händen der Kunden und verbindet die Daten mit einem Konto, von dem der fällige Betrag abgezogen wird, wie China Daily schreibt.

Das Thema Bezahlsysteme ist für den Handel wichtig. 2014 wurde in China 14mal mehr Geld mit Smartphones umgesetzt als 2012. Doch viele neuartige Methoden haben Sicherheitslücken. Face Pay soll seine Stärken nicht nur in der Convenience haben, es soll auch sicher sein. Das komplexe Netzwerk von Blutgefässen ist bei jedem Mensch einmalig und einzigartig. Fälschungen scheinen eher unwahrscheinlich (im Gegensatz zu Fingerabdrucken, mit denen Betrug möglich ist). Ausserdem dürften gestohlene Hände und Köpfe an der Kasse wohl auffallen.

Vorarbeit über Kapillaren als Mittel zur Authentifizierung leistete die Jadavpur University in Kolkata, Indien. Bereits 2013 berichtete Mashable über das finnische Unternehmen Uniqul, das ebenfalls mit einem Bezahlsystem durch Gesichtserkennung von sich reden machte:




Gamechanger: Das erste Kochbuch für In-Vitro-Fleisch
(von Marta Kwiatkowski, 14. August 2014)


In den vergangenen 50 Jahren hat sich der globale Fleischkonsum mehr als vervierfacht. Negative Nebenerscheinungen sind dadurch förmlich explodiert: Monokulturen zum Anbau von Tierfutter, massive Umweltbelastungen, exorbitanter Energieverbrauch, massenhafte Tiertötungen und -seuchen. Und auch wenn Vegetarismus und Veganismus wachsende Trends sind, sollten wir doch den Tatsachen ins Auge sehen: Eine Gesellschaft ohne Fleischkonsum wird es wohl nie geben.

Doch die damit zusammenhängen Nachteile müssen gedrosselt werden. Damit der Mensch auch in Zukunft zu Proteinen und dem Geschmack gebratenem Fleisch bekommt, tüfteln Forscher schon seit längerem an künstlichem Fleisch. Dazu werden einem lebenden Tier Muskelzellen entnommen und im Labor zu In-Vitro-Fleisch gezüchtet.


Doch bei allen Vorteilen von Würstchen, Koteletts und Filets aus dem Reagenzglas: Wir benötigen auch einen Kulturwandel, damit sich solche Produkte gesellschaftlich durchsetzen können. Und was läge in unserer Foodie-Kultur näher als ein Kochbuch? Das Next Nature Lab der Eindhoven University of Technology lanciert demnächst das «In Vitro Meat Cookbook». Reich illustriert, bietet es Rezepte für die Zukunft und experimentiert nebenbei mit unserer Vorstellung von Esskultur.


Genau so kann gesellschaftliche Akzeptanz für das neue Fleisch geschaffen werden. Oder wären Sie etwa nicht stolz, Ihren Bekannten ihre erste In-Vitro-Kalbsbratwurst vom Grill zu servieren?


Leuchtendes Laub statt Laternen
(von Karin Frick, 22. Mai 2013)


Die Zukunft der Strassenlampe ist der Baum. So zumindest will es eine Gruppe amerikanischer Hobby-Wissenschaftler. Ziel ihres Projektes ist es, mithilfe von Gentechnologie Pflanzen zum Leuchten zu bringen. Oder wie es im Promovideo heisst: «Was, wenn wir unsere Strassen mit Bäumen beleuchteten, statt mit Strassenlampen?».


Die Projektfinanzierung erfolgt auf der Crowdfunding-Webseite Kickstarter. Dort sind bereits über 375’000 Dollar zusammengekommen. Ein Grund für den Erfolg der Idee ist wohl ihr Energiesparpotenzial. Ein anderer Punkt dürfte der Do-it-yourself-Charakter dieser abenteuerlichen Unternehmung sein.

Umweltorganisationen warnen jedoch vor einem Frankenstein-Projekt: Alle Gentechnologie-Projekte hätten nicht voraussehbare Folgen. Dieses hier könnte gar bösartige Pflanzen kreieren. Und vor diesen, fürchten wir, müssten wir uns dann auch im Hellen fürchten.
 

Das ist Jerry. Sein Hirn ist im Internet
(von Alain Egli, 21. März 2013)


Fadenrisse? Manchmal vergesse ich Gespräche schon nach wenigen Tagen. Mein Arzt findet das nicht ungewöhnlich. Ich werde damit leben müssen. Wie viele andere in meinem Bekanntenkreis offenbar auch.

Jerry Michalski hat eine Lösung für Gedächtnislücken. Michalski erforscht das Zusammenspiel von Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft und stelle unlängst in Rüschlikon seine Vision einer «Beziehungs-Wirtschaft» (Relationship Economy) vor.



Mindestens so beeindruckt war ich aber von seinem Hirn. Das hat er nämlich online geschaltet, einsehbar für jeden. Seit fünfzehn Jahren notiert der Tech-Pionier alle Texte, Ideen und Namen von Menschen, die ihm wichtig scheinen, in einer Mindmap. Das Resultat sind 190’000 von Hand erfasste Einträge mit 345’000 Verbindungen.

So ein Exo-Hirn erweist sich beim Arbeiten, aber auch im Gespräch, als ungemein hilfreich: nicht eine von vielen Unbekannten zusammengetragene Enzyklopädie wie Wikipedia, sondern das eigene Leben. Zumindest so lange Internet-Zugang besteht.