Von Detlef Gürtler

So schwer es sein mag, überhaupt auf eine neue Idee zu kommen: Wenn man das geschafft hat, fängt die Arbeit erst an. Denn sie muss auch akzeptiert und umgesetzt werden, um die Welt, die Branche, die Gesellschaft zu verändern. Und das passiert nicht nur mit ruckartigen Umbrüchen. Wir haben zwar das «Heureka» des Archimedes im Kopf, den Geistesblitz, das neue Weltbild, das entsteht, wenn Isaac Newton ein Apfel auf den Kopf fällt – aber so schön solche Geschichten sind, sie sind Ausnahmen (und vermutlich nicht einmal wahr). Im Regelfall kommt das Neue in eher kontinuierlichen Prozessen auf die Welt – auch wenn es sich um Durchbrüche handelt.

Das gilt sogar für die wirkmächtigsten Gedanken der Geschichte. Karl Marx’ «Kommunistisches Manifest» verhallte 1848 fast ohne Echo und gewann erst Jahrzehnte später an Einfluss, auch Rousseaus «Contrat social» von 1762 entfaltete erst 1789 seine Wirkung: in der Französischen Revolution. Politische Umbrüche fokussieren sich häufig auf ein einzelnes Ereignis: einen Putsch, ein Attentat, eine Schlacht, eine Wahl   – die Macht im Staat wird nicht kontinuierlich, sondern ruckartig übergeben. Bei Ideen und Technologien hingegen, wie disruptiv sie auch sein mögen, wird es jeweils eine lange Phase geben, in der Altes und Neues nebeneinander existieren.

Diesen Lebenslauf des Neuen besser zu verstehen, war das Ziel eines gemeinsamen Workshops des US-Technologiekonzerns Cisco und des GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Ein zentrales Ergebnis dieses Workshops ist die Grafik «Von Innovation zu Disruption». Sie zeigt für einige der derzeit wichtigsten Disruptions, wie weit die beiden Prozesse bereits fortgeschritten sind, durch die sie ein Teil unseres Lebens werden: der technologische Wandel und der Bewusstseinswandel.

Dieser Ansatz wurde von einem Konzept des niederländischen Zukunftsforschers Koert van Mensvoort inspiriert. Seine «Technologie-Pyramide» besteht aus sieben Stufen – von der vagen Vorstellung von etwas völlig Neuem bis zur kompletten Naturalisierung des längst Vertrauten. «Auf dem Weg die sieben Stufen hinauf», so van Mensvoort, «lernen wir, dass neue Technologien zunächst einmal künstlich und fremd erscheinen, aber je höher wir die Pyramide erklimmen, desto akzeptierter wird eine Technologie – bis sie sogar ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens wird.»

Für die hier publizierte Disruptions-Grafik wurde dieses Konzept auf zwei Dimensionen erweitert: sieben Stufen des Bewusstseinswandels sowie sieben Stufen des technologischen Fortschritts – von der Vision über Labor und Markttest bis zu Massenproduktion und Alltäglichkeit. In beiden Prozessen ist jeweils eine «Kampfzone» enthalten: «mind shift» und «technology shift» bezeichnen die Situation, in der sich entscheidet, ob eine Disruption den Durchbruch schafft.

Die Entwicklung in beiden Dimensionen ist meist gleichgerichtet: Je weiter fortgeschritten eine Technologie ist, desto höher sind die Chancen, dass sie breit akzeptiert wird. Aber die Dimensionen sind nicht identisch: Einige Technologien würden heute schon sehr gern genutzt, sind aber noch lange nicht einsetzbar – wie eine automatische Übersetzung à la Babelfisch. " Andere sind einsatzbereit, aber weit davon entfernt, akzeptiert zu werden – wie genetisch veränderte Lebensmittel.

Der zweidimensionale Ansatz zur Untersuchung technologischer Disruptions ist hier für etwa dreissig disruptive Innovationen abgebildet. Er könnte aber auch weit darüber hinaus helfen, Innovationsprozesse besser zu verstehen: für die der Vergangenheit und die der Zukunft – oder für bestimmte Branchen, Regionen oder Unternehmen.