Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

GDI: Was macht ein erfolgreiches Handelsunternehmen heute aus?
Richard Kelly: Das hängt davon ab, wie Sie Erfolg definieren. Es geht vor allem darum, der Primus in einem Bereich zu sein: Einzigartigkeit, Preis, Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit, Grösse. Beispiele für Unternehmen, die proaktiv handeln und stets darüber nachdenken, welchen Mehrwert sie ihren Kunden noch bieten könnten, gibt es aus allen fünf Bereichen.
Auch in einer digitalisierten Welt gibt es Marken, die ehrlich zuhören, sich engagieren und Communities um sich herum aufbauen. Die Fähigkeiten als Organisation richtig zuzuhören und zu konversieren, sind schwierig zu erarbeiten.
Erfolgreich sind auch junge Marken, die sich nicht per se als Händler verstehen, bei denen der Handel nicht der Hauptfokus ist, sondern zum Mix aus mehreren Geschäftsfeldern gehört und ein Mittel für viele Zwecke ist.

Was wäre das Schlimmste, das ich machen könnte, um mein Unternehmen dem digitalen Zeitalter anzupassen?
Immer den schillerndsten Technologien, wie K.I., Blockchain oder Krypto-Währungen,  hinterherzurennen. Stattdessen sollten Sie Ihren Fokus auf die Erweiterung des Kundennutzens legen. Zudem sollten Sie nicht erwarten, dass Sie Ihre Organisation auf einmal erneuern können. Sie sollten dabei auch nicht unterschätzen, wie hart es ist, zu überleben und akzeptieren, dass es kein Ende gibt in diesem Prozess. Nichtstun ist die grösste Hürde für Innovation, oder man wartet einfach darauf, dass die Innovation von selber kommt.

Wie bleibe ich innovativ?
Finden Sie ein «neues Gleichgewicht» zwischen Verhalten, Talent, Leistung, Mass und Anreizen und Belohnungen. Und legen Sie ihrer Unternehmenskultur eine Dynamik des Lernens und wieder Entlernens zugrunde. Lernen Sie, wie man lernt.
Kernelemente dieses Prozesses sind das Kreieren neuer Möglichkeiten, aber auch die Entscheidungsfindung. Erkunden Sie neue Prozesse und optimieren Sie die alten, kehren Sie auch immer mal wieder das Innere nach aussen und das Äussere nach innen und hören Sie zu und verkaufen Sie. Betrachteten Sie sich selbst eher als halbdurchlässiges Netzwerk anstatt als Kommandozentrale. Teilen Sie Ihre Potentiale auf verschiedene Zeithorizonte auf. Bleiben Sie mit Ihren Kunden in Kontakt. Diese sind schlau und verändern sich. Das ist wichtig, da Wettbewerbsvorteile immer nur zeitlich begrenzt existieren. Deshalb is es wichtig, dass Sie mit beiden Beinen in der Zukunft stehen. Seien Sie konkret. Nur dann können Sie Prioritäten setzten.

Warum ist Asien Europa immer einen Schritt voraus, wenn es um die Verjüngung und Innovation ganzer Branchen geht?
Das ist nicht immer der Fall, aber das Geschäftsleben, der Konsum und das Leben allgemein sind in Asien und China viel kompetitiver als im «Westen». Das führt dazu, dass sich die gesamte Dynamik beschleunigt. Der Druck, voranzukommen, ist grösser.
Ein natürlicher Bestandteil des Lernprozesses ist es, grossen Meistern nachzueifern. Dieses Lernen und der Schritt in die Fussstapfen grosser Meiser ist Teil des kompetitiven Systems.
Im Allgemeinen ermöglicht das politische Klima sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren und beseitigt Hindernisse bei der Ausführung grosser Projekte.

Sie haben einmal gesagt: "Der Einzelhandel ist irgendwie tot». Was meinten Sie damit?
Wir befinden uns in einer Phase der Neuerfindung. Die Kategorien, das Verhalten und die Sprache rund um den Einzelhandel sind im industriellen Zeitalter stehen geblieben. Wir brauchen neue Fragen und Antworten, aus denen eine neue Sprache entsteht, mit der diese neue Retail-Landschaft definiert und beschrieben werden kann. Ich habe die Definition von Konsumenten nachgeschlagen: «Menschen, die Dinge kaufen». Das scheint mir eine sehr limitierte Sicht zu sein im heutigen Zeitalter der «Prosumenten».


Richard Kelly spricht an der 68. Internationalen Handelstagung vom 6. und 7. September 2018. Jetzt anmelden