Populäre Bücher herausragender Wirtschaftswissenschaftler beschreiben die Gegenwart als stagnierend, träge und innovationsarm – so etwa «The Innovation Illusion» von Frederik Erixon und Björn Weigel, «The Rise and Fall of American Growth» von Robert Gordon und «The Great Stagnation» von Tyler Cowen.

Diese Diagnose leuchtet ein, wirft man einen Blick auf unsere Tabelle, die eine Auswahl folgenschwerer Innovationen im Verlauf der Geschichte zeigt. Vor allem Erfindungen vor dem 19. Jahrhundert haben unsere Gesellschaft nachhaltig geformt, nämlich Erfindungen der Sozialorganisation. Wie wäre unsere Welt heute organisiert, hätten wir keine Schrift, keine Kalender oder kein Geld?

Auch das 19. und 20. Jahrhundert brachten viele Technologien hervor, die unsere Gesellschaft grundlegend verändert haben: von der Anti-Baby-Pille über Klima-Anlagen, Flugzeuge bis zu Autos. Wichtige Kommunikationstechnologien wie Telefon, Radio und Internet wurden erfunden, und die Massenproduktion erreichte das heutige Fertigungsniveau. Die Moderne ist das Zeitalter der Wohlstands-Erfindungen.

Tabelle Innovationswandel
Dagegen ist das 21. Jahrhundert die Ära der Freizeit-Erfindungen. Heute einflussreiche Technologien wie das Smart Phone, Youtube und Facebook stehen weniger für Wohlstandsvermehrung als für Stagnation und Selbstgefälligkeit. Dass Ökonomen deshalb die Grenzen des Wachstums erreicht sehen, liegt auf der Hand.

Daneben gibt es aber heute auch Zukunftsszenarien und Technologie-Visionen, die eine weitere Produktivitätssteigerung möglich erscheinen lassen. Innovation wird transformiert: Nicht mehr Wohlstand und Freizeitqualität werden durch Erfindungen gesteigert (wie in den letzten zweihundert Jahren), sondern der Mensch selbst soll sich verbessern und erweitern:

  • Auf der psychischen Ebene würden Smart Drugs und Neuro Enhancement zu einer Verbesserung der neurologischen Aktivitäten führen: Unser Gehirn wird leistungsfähiger. Und weil heute wirtschaftliches Kapital meist in Form von «Brain Capital» vorliegt, führt eine neurologische Produktivitäts- und Effizienzsteigerung auch zu wirtschaftlichem Wachstum.
  • Auf der physiologischen Ebene könnten Gen-Therapien (also die gezielte Veränderung der DNA) und zukünftige Erfolge in der Selbstheilungs-Forschung den menschlichen Körper so gesund halten, dass wir viel länger vital bleiben. Damit würden die Gesundheitskosten deutlich gesenkt, und das Rentenalter könnte markant erhöht werden. Auch hier ergäbe sich durch mehr Arbeitsjahre eine Produktivitätssteigerung der Gesellschaft.

Diese Visionen zeigen, dass nach dem Stillstand auch wieder Wachstum folgen könnte. Damit beschäftigt sich auch unsere neue Studie in Arbeit «Wellness 2030 – Von Industrie-Romantik bis Daten-Buddhismus».

Was wir aus der heutigen Zeit der Trägheit lernen können, diskutieren der Ökonom Tyler Cowen und der Geostratege Parag Khanna am 29. Mai 2017 am Gottlieb Duttweiler Institut.